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Negative Folgen einer Scheidung für Kinder und wie du sie verhindern kannst

Fortsetzung des Artikels „Warum Scheidung einem Kriegsschauplatz gleicht“

Ich bin Mama von fünf Kindern, dazu gibt’s 3 Papas. Ich bin Familien- und Bindungstherapeutin, ich arbeite seit 15 Jahren in meiner eigenen Praxis.

Ist die Ehe noch realistisch?
„Bis dass der Tod uns scheidet“, galt zu der Zeit, in der dieses Gelübde zum ersten Mal auftrat, höchstens für 25 Jahre. Damals wurden die Menschen einfach nicht älter als 45.

Das Jawort gab man sich demnach für einen relativ überschaubaren Zeitraum.
In der heutigen Zeit ist es eine überaus herausragende Leistung, in einer glücklichen, erfüllten und gesund-intakten Ehe zu leben, die auch 60-70 Jahre andauern kann, zumal wir immer älter werden. Dafür ist es nicht nur notwendig, sondern auch entscheidend, dass sich jeder Partner um die Aufarbeitung der eigenen Kindheit kümmert,die Ehe glücklich hält.

Ein Geschenk
Meine beiden ersten Ehen betrachte ich als Eltern absolut nicht als gescheitert. Deshalb nicht, weil wir erkannten, dass die Form unserer Beziehung eine neue Ebene erreicht hat: die der Elternschaft.

Wir hatten als Menschen einfach zu unterschiedliche Ideen über die Gestaltung unseres Lebensweges und wollten uns gegenseitig dabei niemals einschränken oder zu starke Kompromisse eingehen. Deshalb war das Zusammenleben innerhalb einer Ehe zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr erfüllend.
Die gemeinsame Elternschaft aber allemal.Rosenkrieg oder eine strittige Scheidung mit Anwalt gab es nie.
Wir sind Freunde geblieben und vor allem Eltern.

Ich bin sehr dankbar dafür, denn ich betrachte diese Tatsache als ein enormes Geschenk, eines, für das man jedoch arbeiten musste, denn es fiel nicht vom Himmel. Was genau bedeutet das?

In Kontakt bleiben
Ich glaube, das Entscheidende nach einer Trennung ist, dass man dazu in der Lage ist, die eigenen Befindlichkeiten dahin zu packen, wo sie hingehören. Weder auf die Schultern des Expartners, noch auf jene der Kinder, sondern allenfalls auf das Sofa eines Psychotherapeuten, in die Ohren eines Coaches oder ins eigene Tagebuch.

Das Wichtigste ist, miteinander in Kontakt zu bleiben. Das WIR der Ehe weicht einem WIR als Eltern, und das braucht mindestens genauso viel Kommunikation wie das der Ehe.
Doch miteinander kommunizieren und zwar auf eine Art, die respektvoll, gehalt- und wirkungsvoll ist, gelingt nur dann, wenn die eigenen, unbewussten und emotionsgeladenen Muster erkannt und aufgearbeitet wurden.

Wir hier sprechen immer sehr viel miteinander. Und Gott sei dank hat jeder einzelne dafür gesorgt, dass diese Muster aufgearbeitet wurden und nach wie vor werden.
Das bedeutet nicht, dass es nie Konflikte gibt. Zu gesunden Beziehungen gehört das dazu. Aber die Art und Weise macht den entscheidenden Unterschied.
Wenn man sich über den anderen beispielsweise ärgert, dann ist man in der Lage, dies ohne Vorwürfe anzusprechen, in einem angenehmen Ton.

Konflikte
Genau das ist laut Studien auch das Wichtigste für Kinder. Wenn sie, indem die Eltern ihnen das vorleben, lernen, dass Konflikte Teil des Lebens sind, aber in einem angenehmen und für alle Beteiligten harmonischen Kontext geklärt werden können, profitieren sie enorm.

Schädlich ist für Kinder nachweislich jedoch folgendes:

  • die Kinder erleben verbale oder körperliche Gewalt zwischen den Eltern (auch ignorieren, Mauern oder schweigen ist eine Art von seelischer Gewalt)
  • die Kinder können nicht Kontakt zum getrennten lebenden Elternteil aufnehmen, wenn sie das möchten
  • die Kinder werden als Streitschlichter oder Bote missbraucht und über den anderen ausgefragt. Sie sind kleine Wesen, die über ein Minenfeld hinweg zwischen den Eltern balancieren müssen.
  • sie erleben, dass ein Elternteil den anderen ablehnt. Das ist besonders schlimm für sie. Da ein Kind zur Hälfte Mama und zur Hälfte Papa ist, kann das zu einer schweren Identitätskrise führen, weil es sich selbst dann ebenso abgelehnt fühlt.
  • wenn das Kind erlebt, dass ein Elternteil den anderen schlecht redet, ist das für die Beziehung zum schlecht redenden Elternteil negativ. Nicht, wie häufig vermutet, stört es die Beziehung zu demjenigen, über den schlecht geredet wird, sondern zu demjenigen, der sich negativ über den anderen äußert. (Auch wichtig zu wissen für all jene, die diese Art der Manipulation bisher angewandt haben. Dies ist leider ein Schuss, der nach hinten los geht.)
  • wenn Absprachen dauerhaft nicht eingehalten werden oder ein Elternteil den Kontakt zum anderen nicht zulässt. Das Vertrauen sinkt und die sichere Bindung ist stark gefährdet.
  • wenn ein Elternteil trauert, wenn das Kind übers Wochenende beim anderen ist. So kommt das Kind in einen starken Loyalitätskonflikt, aus dem es sich nicht mehr befreien kann. Das Kind freut sich z.B. auf seine Papazeit, sieht aber dass Mama traurig ist, sich alleine oder verraten fühlt, weil das Kind auch den anderen lieb hat, den sie aber stark ablehnt. Dies führt oftmals, vor allem bei Vorschulkindern, oder auch in der Pubertät zu starken Verhaltensauffälligkeiten oder Bindungsstörungen.
  • weder finanzielle noch emotionale Streitigkeiten dürfen beim Kind thematisiert werden. Das sind Themen nur für Erwachsene.
  • wenn ein Elternteil den neuen Partner des anderen Elternteiles ablehnt. Es ist sehr wichtig, dass es einem, auch wenn man dafür noch so viele Therapiestunden braucht, gelingt, die neue Lebensform des Ex zu bejahen. Denn immerhin wird das Kind eine Menge Zeit dort verbringen und braucht, um sich gesund zu entwickeln, die innere Erlaubnis dafür, sich dort auch wohl fühlen zu dürfen. Selbst wenn einige dazu tendieren, das verhindern zu wollen, darf man nie vergessen, dass kleine Kinder auch mal groß werden und Fragen stellen werden. Viele Fragen. Die Antworten finden sie meist tief in ihrem Herzen und hier sind immer beide Eltern verwurzelt, ein Leben lang.
  • Erwiesen ist außerdem, dass Kinder von Eltern, die selbst als Kind Traumata oder gewalttätige Eltern erlebt haben, diese aber nie innerhalb einer Therapie aufgearbeitet haben, diese Traumata an ihre Kinder weiter geben.

Gemeinsames Sorgerecht– gemeinsame Elternschaft
Umso bedauerlicher ist es, wie wenig Eltern sich nach einer Trennung darüber bewusst sind, wie wichtig eine gemeinsame Elternschaft ist. Gemeinsames Sorgerecht beinhaltet das Wort: gemeinsam. Das geht nur dann, wenn man auch dazu in der Lage ist, gemeinsam ein Gespräch zu führen, ohne die Mediation eines Dritten.

Ich denke, die Verantwortung dafür muss wieder jeder selbst in die Hand nehmen. Natürlich braucht es immer zwei vernünftige Parteien, doch ich bin davon überzeugt, wenn zumindest einer der beiden sich darüber bewusst ist, erleidet das Kind weniger Schaden.
Selbst wenn der Expartner einem, aus der eigenen Perspektive, Negatives angetan hat und man meint, man könne ihm das nie verzeihen, so hat man doch niemals das Recht, das Kind zu entfremden. (Sofern der Expartner dem Kind keine Gewalt antut– das versteht sich von selbst).

Wenn man also sagt, man liebt sein Kind, und dem ist bei 99,9 Prozent aller Eltern so, dann hat man auch dafür zu sorgen, dass das Kind beide Eltern lieben darf, sich bei beiden wohl fühlen darf und man alles dafür tut, damit es dem Kind gut geht. Und nochmal: einem Kind geschiedener Eltern geht es nur dann richtig gut, wenn es Mama und Papa lieben darf, ausreichend Zeit mit beiden haben kann und erwachsene Menschen sich auch wie erwachsene Menschen benehmen. Das bedeutet: die Verantwortung für das eigene Leben und auch das der Kinder nicht auf die Schultern Dritter, schon gar nicht der Kinder, zu packen.

Bewusstsein
Es braucht viel mehr Bewusstsein und die Verbreitung dieses Wissens, denn nach wie vor gelingt es vielen getrennt lebenden Eltern nicht, die Perspektive des Kindes einzunehmen. Und mal ehrlich: ein Kind will immer, dass die Eltern noch zusammen sind. Es ist schon hart für das Kind anzunehmen, dass es die Scheidung nicht verhindern kann (viele Kinder bis etwa 10 Jahre haben das Gefühl, sie wären Schuld an der Trennung, weil sie kognitiv nicht begreifen können, dass sie außen vor sind), noch härter ist es damit leben zu müssen, dass die zwei Menschen, die es am meisten braucht und liebt, nicht einmal mehr in einem Raum miteinander in Frieden sitzen können.

Damit kann im Grunde kein Mensch, schon gar kein Kind gesund leben. Deshalb zeigen die Statistiken vor allem bei Jungs nach einer uneinigen Scheidung deutlich mehr Depressionen, ADHS, Schulschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten.
Kein noch so großer Groll zwischen Eltern rechtfertigt dies. Immerhin wollen beide das Beste für ihr Kind, da bin ich mir sicher.

Nochmal:
Wären da nicht die unbewussten Muster, die liebende Eltern, innerhalb weniger Sekunden, in Monster verwandelt. Diese alten und unbewussten Muster, Statement aus der eigenen frühkindlichen Zeit, in der wir uns vermutlich genauso ungeliebt, ungesehen, verlassen und einsam fühlten, wie nun auch nach der Scheidung. Wissende erwachsene Menschen wissen um diese Muster und nehmen sie als Hinweis, um noch einmal die eigene Biografie aufzuarbeiten. Denn nur so gelingt es, im Hier und Jetzt ein guter Elternteil zu sein. Andernfalls reichen wir diese negativen Gefühle eine Generation weiter und unsere Kinder müssen sich dann damit abkämpfen.

Es geht, wenn man geschieden ist, nicht ums Recht haben, es geht darum, eine glückliche Zukunft für die gemeinsamen Kinder zu erschaffen und das geht– nur gemeinsam.

Wir alle tragen einen großen Teil dazu bei, dass unsere Kinder in einer friedvolleren Welt aufwachsen können, wenn wir das beherzigen, leben und teilen.

Katharina Pommer

www.katharina-pommer.de

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