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Warum Scheidung einem Kriegsschauplatz gleicht und wie du diesen vermeiden kannst

Ich lebe in einer ziemlich bunten Patchwork Familie.
Ich bin Mama von fünf Kindern, dazu gibt’s 3 Papas. Einer davon ist mein Lebensgefährte. Darüber hinaus bin ich Stiefmama eines dreijährigen Jungen. (Bedauerlich, dass dieses Stiefmutter-Image aus den Märchen so kümmerlich und befremdlich in aller Ohren sitzt.)

Wir – die Kinder, die Männer und ich – haben ein sehr einzigartiges und schönes Verhältnis. Was sicherlich dem geschuldet ist, dass es sich bei den Erwachsenen um sehr bewusste und reflektierte erwachsene Menschen handelt. Ich schätze meine beiden Exmänner sehr und sie mich ebenso. Nicht nur als Vater oder Mutter, sondern auch als Menschen.

Außerdem ist mein Lebensgefährte ein wunderbarer Mann, der den Vätern der Kinder ausreichend Raum gibt, um Teil ihres Lebens zu sein. Da gibt es keine Eifersucht und auch kein Machtgerangel. Allenfalls mal Themen, die mit einem angenehmen Gespräch augenblicklich geklärt werden können.

Wir feiern gemeinsam ab und an Weihnachten, Ostern und die Geburtstage der Kinder sowieso immer gemeinsam, wir kochen gemeinsam hin und wieder an Sonntagen und fahren auch mal zusammen in den Urlaub nach Österreich. Die Freundin meines ersten Mannes hat ebenso vier Kinder. Sie ist eine erfahrene Mama, die der Beziehung zu den Kindern niemals im Weg stand.
Es ist wunderbar, dass auch hier Patchwork harmonisch gelebt werden darf.

Wir sind alle fest davon überzeugt, dass Kinder Eltern an ihrer Seite brauchen, die frei von gegenseitigem Neid, Eifersucht, Machtgedanken, Schuldgefühlen und Vorwürfen sind.
Wenn eine Ehe nicht das verspricht, was man sich von ihr erwartet hatte, ist das schon bitter genug, wenn dann aber noch die Kinder langfristig daran zu knabbern haben, weil die Eltern auf ihren Schultern ihre unverarbeiteten Gefühle abladen, ist das nicht nur bitter, sondern auch verantwortungslos.

Ich weiß, es passiert oft. Zu oft, wenn ihr mich fragt.

Deine Schuld, meine Schuld
Ich bin Familien- und Bindungstherapeutin, arbeite seit 15 Jahren in eigener Praxis, deshalb habe ich auch genug mit strittigen, aber sehr willigen Paaren zu tun.
Sicherlich ist meine Berufswahl auch meiner Biografie geschuldet und der Tatsache, dass ich davon überzeugt bin, dass die besten Berater nicht nur über fachliches, sondern auch lebensnahes Erfahrungswissen verfügen.

Natürlich könnte es Menschen geben, die sagen: Was soll man von jemandem lernen, der zwei gescheiterte Ehen hinter sich hat?– Ich glaube, eine Menge.
Vor allem dann, wenn es sich um eine Patchworkfamilie handelt, in der sowohl die Kinder als auch die jeweiligen Eltern glücklich sind. Immer wieder höre ich in meiner Praxis, wie erleichtert Eltern sind, wenn sie sich jemandem anvertrauen können, wo sie nicht das Gefühl haben, „bewertet zu werden, weil man gescheitert ist.“ Obwohl die Hälfte aller Ehen geschieden werden, fühlen sich Eltern und Paare nach wie vor schuldig und miserabel deswegen.

Oftmals gestehen sie sich das eigene Scheitern oder einfach auch die Tatsache, dass sich die Form einer Beziehung auch mal ändern darf, nicht ein und fangen an, die „Schuld“ beim anderen zu suchen. Es ist immer leichter mit dem Finger auf den anderen zu zeigen, als auf sich selbst. Doch vergisst man dabei, dass sobald man auf den anderen zeigt, mindestens drei Finger auf einen selbst zurück zeigen.

Vielleicht kommen daher auch die Schuldgefühle. Man weiß genau, dass es nicht darum geht, wer Schuld hat, sondern darum, die Verantwortung dafür zu übernehmen, was geschehen ist– beiderseits. Selten gibt es hier nur Opfer oder nur Täter. Wer sich als Opfer fühlt, ist zeitgleich auch Täter und umgekehrt.
(Damit keine Missverständnisse bei der Leserschaft entstehen, halte ich ausdrücklich fest, dass ich hier nicht über Straftaten wie sexuellen, psychischen oder physischen Missbrauch spreche!) Ich spreche von „normalen“ Ehen, die eines Tages, wieder erwarten geschieden werden.

Versöhnung beginnt bei dir selbst
Ich glaube, wenn mehr geschiedene Eltern erkennen würden, dass Reflexion und auch Versöhnung und Heilung immer bei einem selbst beginnt, wären bedeutend mehr Eltern und Kinder weniger traumatisiert nach einer Scheidung.

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich 16 Jahre alt war, bis heute grüßen Sie sich nicht. Darunter litten wir vier Kinder sehr. Aus diesem Grund wollte ich es vermutlich besser machen. Ich las jedes Buch, das es auf dem Markt gab, studierte, recherchierte und arbeitete viele Jahre mit Paaren.

Eine intakte Ehe zu führen kann man mittlerweile lernen, dazu gibt es genug Paarkurse, Bücher, Kommunikationstrainings und Therapiemöglichkeiten.

Würden wir eher darüber reden
Im Grunde wäre, angesichts der vielen strittigen Scheidungen, sicherlich ein allgemeiner Führerschein für Eltern und Paare sinnvoll. Bisher gibt es den noch nicht. Was auch seine Gründe haben wird. Den allgemeinen Eltern-Führerschein führt man vermutlich erst dann ein, wenn die „Crash- Quote“ ein Ausmaß erreicht hat, dass weder staatlich noch emotional weiterhin tragbar ist. Wie schade, Prävention wäre an dieser Stelle sinnvoll.

Warum also, gibt es so viele Rosenkriege, vor allem zu Lasten der Kinder und des eigenen Seelenwohls?
Die meisten destruktiven Ehen existieren und führen zwangsläufig früher oder später zur Scheidung, weil die eigenen Traumata aus der Kindheit nicht ausreichend verarbeitet wurden und aus diesem Grund auf den Partner projiziert werden.

 

Susanne und Peter
Ich will es kurz anhand eines praktischen Beispiels erklären, was ich damit meine:
Susanne und Peter sind seit sieben Jahren verheiratet, ihr kleiner Sohn ist gerade zur Welt gekommen, und Susanne fühlt sich zunehmend mehr von Peter vernachlässigt. Sie hat eine leichte postnatale Depression entwickelt, die ihr schwer zu schaffen macht. Peter tut wirklich alles, um ihr zu helfen, so weit es neben seinem Job möglich ist. Doch irgendwie wird Susanne immer wütender auf Peter, und beginnt ihm täglich immer mehr Vorwürfe zu machen. Peter versteht die Welt nicht mehr, dachte er doch, mit einem gemeinsamen Kind käme das Glück, von dem die ganze Welt spricht. Stattdessen werden die Streits immer heftiger. Hinzu kommt, dass das Baby ein Schreikind ist. Diese Tatsache zermürbt beide. Susanne gibt insgeheim dafür Peter  die Schuld. Würde er besser auf sie beide achten, wäre das Kind sicher entspannter. Sie sehnt sich danach, von ihm gerettet zu werden, wenn das Kind schreit. Er solle den Sohn von seinem Schmerz befreien und sie auch. Aber Peter zieht sich immer mehr zurück. Er hält Susannes Vorwürfe einfach nicht mehr aus. Er schläft in einem anderen Zimmer und meint, sie könne ihn ja rufen, wenn sie Hilfe mit dem Kleinen bräuchte. Um das Baby kümmert er sich nach der Arbeit rührend, doch auch er ist nach einigen Monaten mit einem Schreikind und den ständigen Vorwürfen stark überfordert, und zieht sich aus der Ehe zurück. Das allerdings gibt Susanne das Gefühl, nun völlig alleine und auf sich gestellt zu sein. Susanne beginnt daraufhin, immer mehr von Peter zu fordern. In diesem Fall Konsumgüter. Da sie ihre Angst vor dem Verlassenwerden, ihre Verzweiflung und Not nicht ausdrücken kann, zeigt sie Peter ihre Verzweiflung, indem sie Streit mit ihm beginnt und seine Männlichkeit heraus fordert- was nichts anderes bedeutet als: „Sei da für mich, lass mich nicht alleine, ich kann nicht mehr“.

Peter setzen diese Forderungen so sehr unter Druck, dass er sich als Mann immer mehr eingeengt fühlt. Er sehnt sich danach, seine Ruhe wieder zurück zu bekommen und versteht die Welt nicht mehr. Hilflos geht er jedem Konflikt aus dem Weg und beginnt, Susannes sämtliche Konsumwünsche zu erfüllen, in der Hoffnung, es würde dann besser werden. Tut es aber nicht. Es wird immer schlimmer. Denn Konsum ist ja nicht wirklich das, wonach Susanne sich sehnt. Sie will einen Mann, der ihr absoluten Halt und Sicherheit gibt, ihr alles abnimmt und sie niemals verlässt. Dieser Mann ist Peter nicht. Kann er auch nie sein. Denn Susanne wünscht sich das eigentlich seit sie ein kleines Mädchen ist, von einem anderen Mann. Ihrem Papa.

Traumata
Dieser war ein sehr distanzierter und strenger Vater, der sie mit der alkoholkranken Mutter alleine zu Hause ließ. Abends, wenn er heim kam, zeigte sie ihm stolz die Schulnoten, doch auch das beeindruckte den Vater wenig. Zuneigung gab es nicht. Susanne fühlte sich damals allein gelassen und dieser alkoholkranken Frau hilflos ausgeliefert (wie jetzt dem Säugling gegenüber). Sie fühlte sich vom Vater verlassen und hatte schreckliche Angst vor dem Alleinsein (wie nun Peter gegenüber). Jetzt, Jahre später, kommen die alten Gefühle der kleinen Susanne von damals wieder hoch, nur deutlich potenzierter, und Peter bekommt all das ab. Susanne machte nie eine Therapie, um sich der kleinen Susanne in ihr anzunehmen und die Gefühle zu heilen. Es gab auch nie eine Aussprache mit ihrem Vater. Deshalb muss Peter in ihrer Welt jetzt der sein, der ihr nun all das, was der Vater ihr nie gab, geben muss.

Peter seinerseits musste als Kind stets seine kleine Schwester beaufsichtigen und galt als der Beschützer der Familie, weil sein Vater nie zu Hause war und wenn, dann auch nur betrunken. Diese Rolle vom Mann im Haus überforderte den kleinen Jungen jedoch in Wahrheit. Einerseits genoss er die Anerkennung, die er für sein Beschützen und das Sich-um-vieles-Sorgen bekam, andererseits wollte er auch einfach nur ein unbekümmerter, kleiner Junge sein, der spielen gehen darf. Jetzt, viele Jahre später, versucht er wie damals, Susanne vieles aus der Hand zu nehmen und sie zu beschützen, fühlt aber gleichzeitig die enorme Überforderung. Er hat das Gefühl, dass sie ihn einengt, und gleichzeitig hat er ein schlechtes Gewissen, weil er sie offensichtlich nicht glücklich machen kann, schließlich muss er auch arbeiten. In seiner Welt tut er alles für Susanne. Er nimmt sie in Schutz, wehrt sich nicht. Auch dann nicht, als sie beginnt, ihn anzuschreien, zu beschimpfen und körperlich zu bedrohen. Irgendwie fühlt es sich an wie damals, als er sich im Badezimmer eingeschlossen hatte und einfach mal seine Ruhe haben wollte.

Die Folgen
Peter und Susannes Ehe endete mit einem Streit, indem Susanne ihm eine Vase nachwarf, im Beisein ihres Babys, und mit dem Sohn daraufhin auszog. Jetzt streiten sie ums Geld und darum, ob Peter seinen Sohn sehen darf. Susanne will Rache nehmen, denn sie fühlt sich von Peter betrogen und beraubt. Beraubt um das Familienleben, wonach sie sich so sehr sehnte seit sie ein kleines Mädchen ist. Nun will sie es erkämpfen, mit allen Mitteln, koste es was es wolle. Gerichtstermine, Anwaltskosten, Gutachten– sie fährt alle Geschütze auf, auf dem Kriegsschauplatz. Aus ihrer Sicht denkt sie, sie wäre im Recht.

Nie käme sie auf die Idee, dass die Muster ihrer Vergangenheit ihr Unwesen mit ihr treiben und es nicht Peters Aufgabe ist, diese zu heilen, sondern nur ihre eigene.
Nie käme sie auf die Idee, dass all das, was sie sich von Peter wünscht, eigentlich ihrem Vater gilt. Sie konnte nie dem Vater ihre Wut und Traurigkeit aus ihrer Kindheit zeigen, deshalb bekam Peter all den Groll ab.

Diese wahre Geschichte zweiter Klienten zeigt eindrucksvoll, wohin es führen kann, wenn zwei Kindheiten aufeinander prallen, deren Muster nach wie vor wirksam, jedoch nicht bearbeitet sind. Traurig, nicht wahr? Für beide.

Vor allem aber für das Kind. Denn das Leid wird somit eine Generation weiter gegeben.
Der Sohn erfährt, dass er seinen Papa nicht lieb haben darf und dass es der Mama nicht gut geht. Mama fühlt sich als Opfer und macht Papa zum Täter, also wird das Kind in eine verhängnisvolle Rolle gebracht: entweder wird der Sohn wie sein eigener Vater damals als Kind: er beschützt und verteidigt nun seine Mutter– vor seinem eigenen Vater.

Oder der Sohn wird wie Opa mütterlicherseits damals und lehnt seine eigene Mutter ab. Der Teufelskreis geht weiter…

 

Wie wichtig an dieser Stelle Aufklärung und die Verbreitung von neuen psychologischen und therapeutischen Erkenntnissen ist, kann man nicht oft genug sagen.
Das hat beispielsweise meine Kollegin Dr. Katharina Kless in einer ihrer Studien mit über 3000 Paaren eindrucksvoll in ihrem Buch über Traumapaare beschrieben.

Lest weiter im Artikel „Negative Folgen einer Scheidung…“!

Katharina Pommer

www.katharina-pommer.de

Jedes Jahr begleite ich zahlreiche Frauen durch die Rauhnächte. Diese heilige und kraftvolle Zeit nutzen wir mit einem gemeinsamen Seminar und online mit einem sehr intensiven Programm, lies hier mehr und sei auch du mit dabei:

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