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Aus dem Leben einer Vollzeit-Stiefmutter

Vollzeit Stiefmutter

Kathrin kam zu ihrer Familie wie die Jungfrau zum Kinde. Sie verliebte sich in einen Mann mit zwei kleinen Kindern aus erster Ehe. Zunächst lebten die Kinder bei der Mutter, kamen nur an den Wochenenden. Doch schon nach kurzer Zeit fragte ihr jetziger Mann sie, ob sie sich vorstellen könnte, immer mit den Kindern zu leben. Die Mutter sei überfordert. Nach nicht einmal einem Jahr Beziehung wurde aus der kinderlosen Karrierefrau eine Vollzeit-Stiefmutter. Mit einem knapp Vierjährigen und einem Baby.

Interview mit einer Vollzeit-Stiefmutter

Kathrin, als Sie Ihren Mann kennen lernten, lebten die Kinder bei der Mutter. Heute leben sie bei Ihnen. Wie kam es dazu? Wie lange waren Sie bereits zusammen?
Aus meiner Sicht: Die Ex-Frau meines Mannes hat dies als Mittel benutzen wollen, damit unsere Beziehung schnell wieder scheitert. Zum anderen ist sie faul und hatte einfach keine Lust mehr – war ihr zu anstrengend. Aus ihrer Sicht, die Sie bis heute vertritt: Sie musste erstmal die Trennung verarbeiten und hätte den Kindern ja nichts bieten können (was für mich persönlich unvertretbare Gründe sind). Tatsache ist: Sie war bereits in der Ehe und mit nur einem Kind überfordert, mit Zweien hat sie einen geregelten Alltag dann gar nicht mehr hinbekommen, was für Kinder einfach nicht gut ist und was dann, unter anderem, auch zum Scheitern der Ehe führte.

Was waren die größten Herausforderungen für Sie?
-Die Kinder nach den Wochenenden bei der Mutter wieder „einzufangen“ und alles von ihr „eingeimpfte“ abzuschütteln.
– Die Schlaf-Umstellung! 🙂 Sowohl nachts (ein Kind träumt schlecht, das andere verliert den Schnulli oder trinkt doch nochmal ein Fläschchen) als auch dass die Tage nun um 6 Uhr begannen.
– Sich neu zu organisieren – morgens musste die Zeit für Kinderfrühstück, anziehen und Kinder weg bringen eingeplant werden – wenn ich um 9 Uhr im Büro war, um meinen Arbeitstag zu starten, hatte ich das Gefühl, ich hätte schon einen halben Arbeitstag hinter mir gehabt.
Das verstehen viele nicht – aber als leibliche Eltern wächst man da rein, und auch Stück für Stück (also ein Kind nach dem anderen, es sei denn man bekommt Zwillinge). Ich war vom „Single“ zur zweifach-Mama zweier Kleinkinder geworden, das ist ein großer Unterschied.

Wie waren Ihre Gefühle, als die Kinder bei Ihnen einziehen sollten?
Eine Mischung aus Angst, Hoffnung, Freude und „Lust drauf“, aber auch „oh Gott, entscheide ich mich grad richtig“. Grundsätzlich hätte ich mir einen Mann ohne Anhang gewünscht (da bei Kindern ja auch für immer die Ex mit dran hängt), aber DAS ist nun ausnahmsweise mal wirklich meine Entscheidung gewesen, dazu hat mich schließlich niemand gezwungen.

Wie war Ihr Verhältnis zu den Kindern vor dem Einzug und danach? Hat sich etwas geändert?
Zu Beginn der Beziehung mit meinem Mann, hatte die leibliche Mutter mir den Kontakt zu den Kindern verboten, damit mein Mann und ich uns in den Zeiten, wo er die Kinder hat, nicht sehen können. Erst ein paar Monate später, als sie alleine in den Urlaub fliegen wollte (sie also auf meinen Mann angewiesen war), hat sie widerwillig eingewilligt. Mein Mann hatte darauf bestanden.
Das Verhältnis zu den Kindern war von Beginn an gut, da ich, glaube ich, ein Gefühl für Kinder habe. Ich habe es über den Weg gemacht, viel zu basteln, backen, spielen, etwas zu unternehmen. Hauptsächlich hat das die Große (damals 4) natürlich wahrgenommen. Um das Baby habe ich mich einfach liebevoll gekümmert.
Für die Große war ich zum Anfang mal Freund, mal Feind (besonders dann Feind, wenn sie von der Mutter kamen). Sie hat das in ihrem Alter ja schon alles bezüglich der Elterntrennung mitbekommen und verstanden. Vielleicht ist eine Art Solidarität zu den leiblichen Eltern auch im Menschen einprogrammiert. Somit hatte ich es mit ihr oft schwer zu Beginn – aber als sie dann irgendwann „Mama“ zu mir sagte, war der Bann gebrochen.

Wie hat der Einzug der Kinder Ihr Leben geändert?
Beruflich bin ich von einem Vollzeitjob (Projektmanagerin) in einen Teilzeitjob (Assistenz der Geschäftsführung) gewechselt, damit ich ab nachmittags für die Kinder da sein konnte. Ich finde, sie haben es nicht verdient bis 18 Uhr in die Kita abgeschoben zu werden. Zumal der Kleine ja auch erst 18 Monate war.
Mein persönlicher Alltag und Freundschaften haben sich ebenfalls verändert. Ich bin abends nicht mehr los gegangen, da ich viel zu k.o. war – das haben viele Freunde (die meisten hatten bis dahin noch keine Kinder) nicht verstanden. Der Kleine wurde schließlich noch jede Nacht wach, Kindergartenkinder sind oft krank, morgens startet mein Tag nun um 6.00 Uhr…
Wir wohnten auch erst sechs Monate in unserer ersten gemeinsamen Wohnung, als wir uns durch den Einzug der Kinder schon wieder etwas größeres suchen mussten.

Sehen Sie sich als Mama, Stiefmama oder eher als Freundin von Papa?
Ich sehe mich als Mama, ganz klar! Die Kinder haben von sich aus auch irgendwann „Mama“ zu mir gesagt und mein Mann und ich haben entschieden, ihnen das zu lassen, wenn und solange sie möchten. „Mama“ ist für mich ein Begriff für Geborgenheit, Vertrauen, Glück und Liebe und nicht der gepachtete Ausdruck von Frauen, die ein Kind geboren haben (sich aber nicht kümmern sondern die Kinder weggeben, ohne dass sie krank oder verstorben sind) – da habe ich aufgrund meiner Situation eine ganz klare Meinung. Auch „Vize-Mom“ fühlt sich für mich persönlich zurückgesetzt an – eben Zweite. Aber die leibliche Mum leistet nichts, außer zu faseln, dass sie die Kinder doch geboren habe. Ich mache alles, erlebe alles. Fahrradfahren und Schwimmen lernen, sprechen lernen, Schnulli-Entwöhnung, den ganzen Alltag. Adoptiv-Eltern sind schließlich auch „Mama“ und „Papa“.  Ich lasse den Kindern natürlich ihre leibliche Mama und dass sie auch zu ihr „Mama“ sagen, das ist dennoch für mich ganz klar.

Stichwort Rente und Geld: Sie haben Ihren Job für seine Kinder aufgegeben. Haben Sie mit Ihrem Mann eine Ausgleichs-Vereinbarung getroffen? Zahlt er etwas in eine private Rente oder ähnliches für Sie ein?
Nein. Aber er bezahlt mein ganzes jetziges Leben und das ist sehr großzügig bemessen. Ich lege selbst ein bißchen was für meine private Rente zurück.

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Sie haben heute auch noch ein gemeinsames Kind. Hat das etwas an Ihren Gefühlen zu den Stiefkindern geändert?
Ja. Ich habe schon den Unterschied gemerkt, was wirkliche Mutterliebe ist. Ich liebe meine beiden Großen, tue nach wie vor alles für sie, mache nach wie vor keine Unterschiede zwischen den dreien. Dennoch stimmt es, dass der Zustand eine leibliche Mama zu sein noch ein anderer ist. Ich genieße auch durchaus die Zeit, in der die Großen dann nicht Zuhause sind und ich nur mein Baby habe.
Durch mein leibliches Kind habe ich die echten, die wahren Muttergefühle kennengelernt – dafür bin ich sehr dankbar, denn es ist das schönste was es gibt – für mich! Dennoch – ich denke, dass diese Offenbarung der unterschiedlichen Gefühle natürlich ist, ich brauche mich deswegen nicht schlecht fühlen – hat der kleine Bruder uns alle noch näher zusammen gebracht.

Haben Sie irgendwann daran gedacht, alles hin zu schmeißen?
Ja, ich denke es ab und zu mal.

Wie ist heute der Kontakt der Kinder zur leiblichen Mutter?
Gut. Sie ist die Wochende-Spaß-Mutti. Wir freuen uns ja auch, wenn die Kinder dort eine gute Zeit haben.

Was sind die größten Herausforderungen vor denen Sie standen oder stehen?
Eigentlich nur mein eigenes, emotionales Handling mit der Ex.

Können Sie sich austauschen mit Freundinnen oder Ihrem Mann oder anderen Stiefmüttern?
Nicht in der Form und 1:1 – das kann man, glaube ich, nur mit wirklich Gleichgesinnten! Freundinnen können Verständnis zeigen, verstehen können sie manche Konflikte aber nicht. Zum einen, weil sie da nicht drin stecken und es weil eben ein absolutes Emotions-Thema bzw. Ego-Thema ist – das muss man ja zugeben. Mein Mann ist in solchen Gesprächen auch immer „Papa“. Das behaftet von vornherein, ohne dass er es mir gegenüber böse meint. Dennoch ist er immer schnell auch „Anwalt“ der Kinder. Meine Problemchen mit der Ex nerven ihn eher. Was ich auf der einen Seite ja auch verstehen kann – er steht halt zwischen ALLEN. Von daher gibt es eher mal einen Streit über diese Themen.

Wie sehen Ihre Familie/ Ihre Freunde Ihr Stiefmuttersein?
Freunde können sich in der Form nicht reinversetzen, von daher kann ich es gar nicht genau sagen. Meine Familie hätte sich sicher eine „normale“ Partnerschaft und Familiengründung für mich gewünscht, da sie schon auch die Schwierigkeiten, die es gelegentlich gibt, wahrnehmen.

Denken Sie über Adoption nach?
Ja! Da willigt die Mutter aber natürlich nicht ein.

Wo liegen in Ihren Augen die Vorteile am Vollzeit-Vizemutterdasein und wo die Nachteile?
Man hat die „Bestimmung“ über den Alltag, Planung Hobbys, die Auswahl der Kleidung, Einfluss auf Werte und Erziehung – ich denke, dass ich so stärker mein eigenes Leben, bzw. die Vorstellungen, wie ich Familie haben möchte, leben kann. Auch wenn es sich diskrepant anhört – man ist weniger fremdbestimmt durch die Ex, wenn es so herum ist. Andersherum wären es vielleicht nur zwei Tage (man hat die Kinder ja meist übers Wochenende), den Rest der Zeit hätte man „frei“. Aber zwei Tage mit totaler Fremdbestimmung, eventuell Anrufen und Auflagen der Ex etc. und vielleicht völlig verzogenen Kindern (im Sinne von unterschiedlichen Vorstellungen, wie die Kinder erzogen werden) kam für mich nicht in Frage.

Was würden Sie rückblickend anders machen? Oder würden Sie alles genauso wieder machen?
Ich würde alles genau so wieder machen, bereue nichts. Wenn ich ein nächstes Leben habe, würde ich dies aber interessehalber wohl anders führen wollen 😉

Hätten Sie sich Ihr Leben von heute so vorgestellt, als Sie dem Einzug der Kinder zustimmten? Ist es schöner geworden als sie dachten? Schlechter? Anders?
Ich habe es mir genauso vorgestellt – Full House.

Welche Problemstellung haben Sie definitiv unterschätzt?
Das Rumgenerve der Ex, die immer wieder mit anderen „Ideen“ um die Ecke kommt.

Wie nennen Ihre Kinder Sie?
Mama

Wie unterstützt Ihr Mann Sie?
Er verdient das Geld für uns alle. Zudem haben wir im Großen und Ganzen die selben Vorstellung bezüglich der Konstellation. Auch wenn wir manchmal darüber in einen Konflikt geraten.

Welche Probleme tauchten durch das neue Leben zwischen Ihnen und Ihrem Mann auf?
Das Streitthema Ex.

Würden Sie sich heute als gut zusammen gewachsene Patchworkfamilie sehen?
Ja!

Wobei wünschen Sie sich von der Gesellschaft mehr Unterstützung? Wo könnte der Staat mehr unterstützen?
Bei der Elternzeit und dem Elterngeld für Stiefkinder, die fest beim Vater, somit der Stiefmutter, leben. Das geht nur, wenn man adoptiert!!! Ich habe alles ohne Unterstützung des Staates durch Elternzeit oder Elterngeld gemacht und nebenher gearbeitet. Wie gesagt, der Kleine war ein Jahr, als ich ihn „übernommen“ habe.

Warum gibt es Elterngeld/Elternzeit für Vollzeit-Stiefmütter eigentlich nur bei Adoption? Klick um zu Tweeten

Generell wünsche ich mir mehr Rechte. Ich kann nicht einmal den Reisepass meines „Sohnes“ verlängern lassen. Selbst wenn ich mit dem Ausweis meines Mannes und einer Vollmacht hinginge, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen.

Liebe Kathrin, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!

6 Kommentare

  1. Bewegendes Interview. Sehr nachvollziehbare Gefühlslage.

    Eine Frage treibt mich gerade auch nach den Kommentare unter dem Interview aber jetzt doch um: Warum kümmern sich nicht die Väter zuvörderst um ihre eigenen Kinder und gehen auf Teilzeit, sondern suchen sich – im Grunde wie vor hunderten Jahren – eine Frau als neue Mutter? Eine Projektmanagerin kann sicher eine Familie ernähren.

    Wurde diese Frage gestellt? Oder habe ich sie überlesen? Dann bitte ich um Entschuldigung.

    Dass Kathrin keinen finanziellen Renten-Ausgleich für das Aufgeben Ihres Vollzeitjobs und damit eigenen Einkommens ausgehandelt hat, finde ich nicht klug. Dass er „Ihr Leben“ finanziert, wie sich Kathrin ausdrückt, weil sie seine beiden Kinder großzieht, ist bitte doch selbstverständlich. Dass aber sie ihre finanzielle Unabhängigkeit aufgibt, statt er, ist ein extremes Entgegenkommen ihrerseits, das in einer Beziehung auf Augenhöhe selbstverständlicherweise fair auszugleichen ist.

    Respekt und Gruß
    Dani

  2. Claudia sagt

    Oooohhh wie toll. Besser hätte ich die Situation nicht erzählen können. Mein „Kind“ kenne ich jetzt 5 Jahre und ein leibliches ist dazugekommen. Genauso ist mein Leben von Karrierfrau bis „runter“ zur Vollzeitmami gelaufen ;-).nur eine Adoption stimmt bei uns die Kindsmutter zu, uns fehlt nur das Geld hierfür und bis jetzt bin ich gut durchgekommen dank gleichen Nachnamen und Vollmacht.

    Danke für den Beitrag

  3. Ilona Resch sagt

    Diese Geschichte kenne ich seit nunmehr 2 Jahren und ich habe sehr sehr großen Respekt. Was für eine Leistung und das auch noch mit so viel Liebe und Güte.
    Du bist eine wunderbare Frau und Mutter deiner drei Kinder !
    Sei lieb gedrückt.

  4. Hut ab!!! Bei mir ist die Situation fast gleich.. Der Unterschied ist: ich habe keine eigenen Kinder, dafür 3 Stiefkinder. Als ich von jetzt auf gleich Stiefmama wurde, waren meine Stiefkinder 3(Zwillinge) und der „kurze“ war gerade ein jahr geworden… Von Vollzeitjob + Nebenbeschäftigung zum Vollzeit Stiefmama mit mini Nebenjob in paar Tagen. Jetzt sind die Kinder 7 und 9…Ich weiß was du leistest und kann alles was du gesagt hast zu 100% nachvollziehen. Respekt!!! 🙂

  5. Liebe Kathrin, Hut ab vor Deiner Leistung!
    Ich bin zwar in einer ähnlichen Situation, bin Vollzeit-Stiefmama von 3 Jungs (mittlerweile 13, fast 11 und fast 10 Jahre alt) und wir haben noch ein gemeinsames Kind (19 Monate), aber die zwei Kleinen, die Du von Baby- bzw. Kleinkindalter an betreust, das ist wirklich eine Riesenleistung!
    Viele weitere Sachen und Problemchen laufen bei uns ähnlich ab und deshalb würde ich mich freuen von Dir, als Gleichgesinnten, noch etwas zu hören. Gerne kann Susanne Dir meine E-Mail Adresse weiterleiten.
    Liebe Grüsse

  6. Das könnte auch von mir kommen. Schon sehr ähnlich die Parallelen, wenn die Kinder bei dem Vater leben und die Mutter sie nicht wirklich haben möchte. Ich bin auch Vollzeitstiefmutter und Mutter.
    Wir Vollzeitstiefmütter verdienen wirklich den größten Respekt.

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