Die Kinder, Die Partnerschaft, Ex & Next
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Wessen Wahrheit ist die Richtige?

Buddhistische Gelassenheit fehlt bei Trennungen fast immer

Ein Paar hat sich getrennt. Nun folgen oft gegenseitige Vorwürfe, jeder meint, im Recht zu sein. Aber wessen Wahrheit ist die Richtige? Bereits in der Beziehung hat man Dinge unterschiedlich gehandhabt, gesehen, bewertet. Da hat die Liebe es noch geschafft, dass auch Verständnis für die andere Sicht vorhanden war. Ist die Liebe erst mal verschwunden, fehlt meist auch das Verständnis. Noch schlimmer – da man nun alleine ist, sucht man sich Verbündete für seine Position. Und das sind oft die Kinder.

Wie fast immer, wenn zwei Menschen einen Disput haben, gibt es zwei verschiedene Sichtweisen auf die gleiche Situation. Die Mutter meint vielleicht, er habe sie verlassen, weil es eine andere gab. Also sei er Schuld. Der Vater meint dagegen, sie hätte ihn nur noch wie ein lästiges Insekt behandelt und Anweisungen gegeben, er sei einfach geflüchtet. Oder die Mutter erzählt, sie sei von ihrem neuen Freund quasi aus einer Ehehölle befreit worden, der Vater dagegen ist der Meinung, sie hätte ihn eiskalt betrogen und ausgetauscht.

Buddhistische Gelassenheit fehlt bei Trennungen fast immer

Buddhistische Gelassenheit fehlt bei Trennungen fast immer

Wer hat Recht? Wessen Version ist die Richtige? Ich weiß es nicht. Wessen Version wird geglaubt? Wahrscheinlich jeweils die des Menschen, der mir am nächsten steht und mir sein Leid klagt. Und hier wird es für viele Stiefmütter kritisch. Leben die Kinder bei der Mutter, ist die Chance recht groß, dass deren Version der Trennung diejenige ist, die von den Kindern übernommen wird. Die Stiefmutter dagegen, als neue Partnerin des Vaters, vertraut mehr der Version ihres Partners.

Was soll sie nun aber sagen, wenn das Kind – als Mamas kleiner Anwalt – die Version der Mutter bei den Besuchswochenenden thematisiert? Soll sie dem Kind die „Wahrheit“ des Vaters erzählen? Soll sie nichts sagen und sich raus halten? Was soll sie tun, wenn ihr Mann nichts macht, die Version des Kindes im Raum stehen lässt, auch wenn die Stiefmutter durch diese Version in ungerechtfertigter Weise bloß gestellt wird? Die Situation ist nicht einfach und eine Patentlösung gibt es wohl nicht.

Soll der Vater seine Wahrheit den Kindern vermitteln? Bleiben wir bei dem Beispiel, die Mutter hat den Vater für einen neuen Mann verlassen. Die Kinder allerdings denken, der neue Mann wäre erst dann in Mamas Leben gekommen, als sie schon getrennt waren. Nun erzählen sie, wie toll es sei, dass daheim jetzt nicht mehr gestritten wird, das sei viel schöner als damals, als Mama und Papa noch zusammen waren. Endlich herrsche Frieden. Soll der Vater erzählen, dass deswegen gestritten wurde, weil es den Neuen gab? Dass dieser Mistkerl der Grund für all die Streitereien war? Soll der Vater die Version der Mutter gerade rücken?

Was passiert dann womöglich? Die Kinder sehen den neuen Mann mit anderen Augen, sie lehnen ihn ab. Natürlich kann es auch sein, dass sie dem Vater nicht glauben. Das ist meist dann der Fall, wenn die Version der Mutter schon sehr lange unwidersprochen im Raum steht. Egal wie man reagiert, die Kinder werden die Leidtragenden sein. Entweder werden sie sich bei dem neuen Mann nicht mehr wohl fühlen, oder sie werden Papa vorwerfen, er würde gegen Mama hetzen.

Wem nutzt welche Version? Kurzfristig kann sich der betrogene Vater vielleicht freuen, wenn die Kinder den Neuen nun ablehnen. Jetzt hat er es seiner Ex aber gezeigt. Langfristig kann kein Vater wollen, dass seine Kinder mit einem Mann unter einem Dach leben müssen, den sie völlig ablehnen. Oder? Wie müssen sich die Kinder damit fühlen?

Umgekehrt gilt das gleiche. Eine Mutter, die immer gegen die Stiefmutter hetzt sollte sich vor Augen führen, dass ihre Kinder die Wochenenden mit dieser Frau verbringen, vielleicht sogar jede zweite Woche, wenn das Wechselmodel gelebt wird. Langfristig kann keine Mutter wollen, dass ihre Kinder mit einer Frau unter einem Dach leben, die sie völlig ablehnen. Oder? Wie müssen sich die Kinder damit fühlen?

Trotzdem wird es gemacht. Trotzdem reden Väter schlecht über Mütter und/oder den neuen Mann und Mütter reden schlecht über Väter und/oder die neue Frau. Die Leidtragenden sind immer auch die Kinder. Die sich dann entscheiden sollen, an denen gezerrt und gezogen wird. Seltsamerweise sehen Eltern, die so vorgehen, das ganz klar, wenn es um andere Trennungseltern geht, nur bei sich selbst fehlt meist die Einsicht.

Die Stiefmutter steht hier zwischen den Stühlen. Kinder empfinden es fast immer als Angriff, wenn die Stiefmutter versucht, die Version der Mutter gerade zu rücken. So wie sich umgekehrt auch die Stiefmutter angegriffen fühlt, wenn  über ihren Mann oder sie Dinge erzählt werden, die ihrer Meinung nach nicht der Wahrheit entsprechen.

Aber was ist Wahrheit? Wie soll man damit umgehen? Wie soll man Wahrheit vermitteln? Ich werde mich in der übernächsten Woche mit einem Kinderpsychologen treffen und ihm Fragen stellen. Dazu würde ich gerne Beispiele kennen. Wie gehen Sie mit Wahrheit um? Wie sprechen Sie über das Trennungselternteil? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Was tun Sie als Stiefmutter, wenn Sie das Verhalten ihres Partners in diesem Punkt nicht gut heißen?

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir Beispiele aus Ihrem Leben nennen. Sie können hier im Blog kommentieren oder mir eine E-Mail schreiben unter kontakt@stiefmutterblog.com. Oder Sie kommentieren auf meiner Facebookseite Susanne Petermann. Ich freue mich auf Ihre Antworten und bin gespannt, was der Psychologe dazu sagt.

Susanne vom Stiefmutterblog

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