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Facebook – nirgendwo lernt man mehr über Menschen

Facebook. Foto: Stocksnap, Wilfred Iven

Ich gebe es zu: ich bin ein Medienjunkie. Schwerpunkt soziale Medien. Ich liebe es, bei Facebook herumzuscrollen, Blogs zu lesen und zwischendurch etwas zu twittern. Ich mag es, durch meine virtuellen Freunde informiert zu werden; zu sehen, was sie für lesenswert halten oder welche Meinung sie zu bestimmten Themen haben. Innerhalb der normalen Startseitenebene geht es -jedenfalls bei mir – zwar auch kontrovers, aber meist gesittet und einigermaßen höflich zu. Außerdem bleibt man (fast immer) beim Thema. Ganz anders sieht es in Gruppen aus, die per se „verfeindete Mitglieder“ haben.

Sorgerechtsgruppen bei Facebook – Hier tobt ein virtueller Trennungs-Krieg

Zum Beispiel die Sorgerechts-, Trennungs-, Scheidungs-, Unterhalts- und was-weiß-ich-wie-sie-alle-heißen Gruppen. Wer hier kein Mitglied ist, muss es sich in etwa so vorstellen, als ob die Fans von Werder Bremen und dem HSV in einer Facebook-Fußballgruppe vereint wären. Oder Israelis und Palästinenser. Oder eben getrennte Väter und getrennte Mütter. Ein bisschen vergleichbar ist es mit Frauentausch oder anderen Sozialpornos Scripted Reality Shows auf RTL2. Nur ohne Werbeunterbrechung und ohne Drehbuch. Die Kulisse: Unspektkulär. Ein Foto, darunter die Mitgliederliste (oft mehrere Tausend) und ab und zu ein fixierter Beitrag mit Gruppenregeln. Tauchen wir ein in diese Welt.

Es geht los – Die Trigger

14.52 Uhr  Miss Ellie postet: „Was kann ich tun, wenn der Erzeuger des Kindes nicht zahlen will? Ich weiß, dass er schwarz arbeitet, kann ich das dem Jugendamt stecken? Ich will außerdem das alleinige Sorgerecht damit ich zu meinem neuen Freund nach Mallorca ziehen kann. Mein Ex macht da sonst Zicken. Weiß jemand, was ich da beim Jugendamt sagen muss?“

Erfahrene Gruppenmitglieder wissen, in diesem kleinen Post steckt viel Zündstoff.

Popcorn!!!! ... Klick um zu Tweeten

 

Die Aufwärmphase – Unterhalt fürs Nagelstudio

14.53-14.55 Uhr  Parallel melden sich einige Mütter, die schreiben, ihr Ex würde auch nicht zahlen. Andere, die auch umziehen wollen. Dann die ersten Proteste, Miss Ellie solle nicht Erzeuger sondern Kindsvater schreiben. Außerdem: Warum will sie den Vater vom Sorgerecht ausschließen, aber seine Kohle abzocken. Typisch gierige Mutter, sie brauche wohl Kohle fürs Nagelstudio.

14.55-15.00 Die Diskussion konzentriert sich auf den Umzug und das Wort Erzeuger. Dennis Zukowskis Kommentar: „Lass die Kinder doch beim sogenannten Erzeuger. Du kannst ja allein umziehen.“ bekommt 35 Likes.

Der Klassiker – Erzeuger kontra Vater

15.00 Uhr- 15.15 Uhr Die Mahner haben die Admins der Gruppe angeschrieben, der Erste meldet sich gegen 15.03 Uhr (nach dem 79.ten Kommentar) und bittet darum, das Wort Erzeuger zu löschen. Parallel haben aber schon 5 Männer die fragende Mutter als „Bruthenne“ bezeichnet. Darum weigert sich Miss Ellie, das Wort Erzeuger zu streichen, solange nicht auch Bruthenne gestrichen werden muss.

Nach dieser eher sanften Aufwärmzeit wird es heftiger. Fragen über Fragen. Wann ist ein Vater ein Vater? Reicht der Samen oder muss er auch für das Kind anwesend sein? Ist der soziale Vater (neue Mann von Mama) kompetenter? Wann darf man umziehen? Wenn ja, wie weit weg und wer muss dann den Umgang zahlen? Mütter und Väter beschreiben wie sie nach der Trennung gelitten haben. Väter klagen, dass die Mutter ihnen die Kinder durch einen Umzug systematisch entzogen haben. Es geht jetzt um die Opfer-Täter-Rolle. Erste Bilder mit Popcorn oder einem sich an die Stirn greifenden Ernie/Mr. Spok/Homer Simpson werden gepostet. Es entbrennt eine Paralleldiskussion über Rechtschreibfehler und wer sie behalten darf. Sechs Gruppenmitglieder mahnen an, dass Miss Ellie ja wohl ein Fake sei und ob sie nicht wisse, dass bei Facebook nur Echtnamen benutzt werden dürften.

Nebenschauplätze

15.15-15.20 Uhr Huch…tatsächlich haben zwei Mitglieder konkrete Tipps gegeben, an wen die Fragestellerin sich wenden kann und welche Argumente sie vorbringen könnte. Niemand beachtet sie. Die beiden beschließen, sich jetzt über PN auszutauschen. Ein weiterer Admin mahnt an, Erzeuger zu löschen, sonst würde die Fragestellerin aus der Gruppe ausgeschlossen. Drei Links zu Gesetzestexten werden gepostet. Leider für das österreichische Recht. Miss Ellie lebt in Deutschland, in Paderborn. Zwei Frauen schreiben, sie würden auch in Paderborn leben. Ein Mann ist dort zur Schule gegangen.

Die Schuldfrage – Alles Schläger, Alkoholiker und Borderliner

15.20-15.30 Uhr Mirdochalles Scheißegal fragt, wer denn wen verlassen hätte. Das wäre wichtig, um eine fundierte Antwort geben zu können. Daraufhin erzählen Bine Bine und Kuschel Uschi von ihren Ex, die Alkoholiker und Schläger waren und jetzt noch nicht mal zahlen wollen. Miss Ellie, die Fragestellerin ist mittlerweile gelöscht worden, weil sie auf Erzeuger bestand. Nach viermaligem Nachfragen, wer wen verlassen hätte schreibt Mirdochalles Scheißegal beleidigt: „Ich bin draußen“.

Einige Männer posten Artikel über Kinderklau der Jugendämter. Kuschel Uschi wird beschimpft, man würde ihren Ex aus der Männergruppe kennen, sie würde doch selbst trinken. Mindestens zwanzig Frauen solidarisieren sich mit Kuschel Uschi und beteuern, dass sie das nicht glauben. Die Männer schießen zurück, und diskutieren die Borderline-Erkrankung ihrer Ex. Bernd das Brot schreibt, dass seine Ex ihn verprügelt hätte und es endlich mal Männerhäuser für Opfer weiblicher häuslicher Gewalt geben sollte. Mehrere Mitglieder versuchen zu beruhigen. Reiner Unsinn schreibt, „alle sollten sich doch auf ihre Verantwortung als Eltern besinnen und runter kommen.“

Diskussion geschlossen

15.30-15.40 Uhr Das erste „Die Diskussion ist geschlossen“ Schild wird von einem der mittlerweile sechs involvierten Admins gepostet. Sofort folgen Kommentare, man würde sich nicht den Mund verbieten lassen. Warrior Udo schreibt höhnisch, man könne ihn ruhig rausschmeissen, 5 Sekunden später wäre er mit seinem anderen Profil wieder da. Er wäre schlauer als die Admins.

Hinter den Kulissen fliegen die PNs zwischen den sechs Admins und den Hauptadmins der anderen Sorgerechtsgruppen. Schnell sind sieben weitere Profile von Warrior Udo enttarnt. Man beschließt, alle zu löschen.

Der Abschluß – Es wird ruhiger

15.40-15.49 Uhr Drei Mitglieder haben neue Stränge aufgemacht, um „das Thema sachlich weiter diskutieren zu können“. Es wird ruhiger in Miss Ellies Thread. Ein Miro Klose ignoriert das dritte „Geschlossen“ Schild und fragt als 1385ter Kommentator, ob jemand weiß, wo in Bochum eine Sky-Kneipe ist, in der abends Fußball übertragen wird.

Ich bin wirklich heilfroh, dass es diese Sandkästen Gruppen bei Facebook gibt. Irgendwo müssen auch getrennte Eltern sich austoben und ihren Frust ablassen können. Und zwischen all den Absurditäten werden auch viele vernünftige und hilfreiche Tipps gegeben. Aber manchmal frage ich mich doch, wie viel Zeit ein Paar nach der Trennung wohl braucht, bis es über diese Diskussionen schmunzeln kann, bis man sich wieder zuhört, mit dem Ex-Partner ganz normal sprechen und den GEMEINSAMEN Kindern ein Vorbild sein kann.

Ich glaube, ich mach mal einen neuen Thread bei Facebook auf…:)

Susanne vom Stiefmutterblog

5 Kommentare

  1. Anita sagt

    Danke Susanne fuer dieses unterhaltsame posting. Gut bin ich eine von diesen die darueber Schmunzeln kann

  2. Der Teil, den ich an diesen Facebook-Gruppen nicht verstehe ist: Woher haben die Leute alle soviel Zeit? Aber es ist genauso wie oben beschrieben, vielleicht ist es ja eine gute Sache: Irgendwo muss der ganze Frust hin und so kann man ihn rauslassen ohne reale Personen anzumachen…;-). Ich lese ganz gerne in Bücher- bzw. Selfpublischer-Gruppen bei Facebook und da geht es genauso zu, es gibt die Besserwisser, die Nörgler, die, die nur zum Beleidigen bei Facebook sind, die Spaßmacher usw. usw…manchmal lese ich abends statt Fernsehen und fühle mich bestens unterhalten…;-)

    • Susanne Petermann sagt

      Der Frust muss sicherlich abgelassen werden können. Und letzten Endes stellt sich in diesen Gruppen ja auch jeder aus seiner persönlichen Sicht, mit seiner persönlichen Meinung dar. Und manchmal eben auch mit einer leicht verschönten Maske 🙂

  3. Patricia sagt

    Ich finde keineswegs, dass Du übertreibst im Gegenteil: die Beschimpfungen in allerbester Gossensprache hast Du vergessen. Schade was das www so nebenbei offenbart. Mein ganzer infantiler Glauben, dass die Menschen nicht so grässlich sind wie behauptet wird ist dahin…

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