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Weihnachten – Notstand in der Notaufnahme

Weihnachten Notaufnahme

Weihnachten ist ja das Fest der Liebe … und der Süßigkeiten. Die gab es bei uns reichlich, unter anderem meine Lieblingspralinen: Mon Chéri.  Am Tag nach Weihnachten aß ich eine, verschluckte mich und bekam ein Stück der leckeren Piemont Kirsche in meine Luftröhre. Nach einer Stunde Husten, Krämpfen, Erstickungsängsten, Würgen und Yogaähnlichen Verrenkungen fuhren wir zur Notaufnahme ins Krankenhaus. Dort herrschte Notstand.

Die Rache der Claudia Bertani?

Eines vorweg:  ich bin wieder daheim und habe alles gut überstanden. Aber ich habe einen kleinen Einblick in ein System bekommen, der mich wirklich erschreckte. Dabei fing alles perfekt an. Keine fünf Sekunden nachdem ich in der Notaufnahme geklingelt hatte, saß ich in einem Behandlungsraum und wurde an einen Monitor angeschlossen. Mein Blutdruck war viel zu hoch, dafür der Sauerstoffgehalt im Blut bereits viel zu niedrig. Aus dem Ohrläppchen wurde mir Blut herausgequetscht.

Eine junge Ärztin untersuchte meinen Schlund, während das Zimmer immer voller wurde. Es herrschte Aufregung. In einer Krankenhausserie hätten an dieser Stelle wahrscheinlich alle Geräte gepiepst und die Monitore geblinkt. Alarm, Alarm, Alarm. Mein Zustand war anscheinend schon kritisch, selbst habe ich das gar nicht richtig bemerkt. Ich bekam Sauerstoff in die Nase, die junge Ärztin telefonierte non stop, Husband, der beste Ehemann von allen saß in einer Ecke, war kreidebleich und starrte, wie alle anderen auch, auf den Monitor, wo im Sekundentakt meine Werte aufblinkten. Ich hustete mir derweilen die Seele aus dem Leib. Plötzlich fühlte ich Erleichterung. Das steckengebliebene Ministück Mon Chéri Kirsche war draußen.  Ganz von allein – mein persönliches Wunder an Weihnachten. Ich war zwar noch heiser, hustete und der Hals war gereizt, aber mir ging es besser. Gehen durfte ich allerdings nicht. Im Gegenteil – die Odyssee begann jetzt erst.

Katastrophale Unterversorgung – nicht nur an Weihnachten

Die Ärztin hatte per Telefon versucht die beiden Bereitschafts-Oberärzte zu kontaktieren, keiner war erreichbar. Sie hatte dann im Klinikum der nächstgrößeren Stadt angerufen, um sich Rat geben zu lassen. Zunächst wollte sie mich dort sogar hinbringen lassen, die lehnten aber ab, weil sie auch bis unter die Hutschnur voll waren. Klar war aber nur, dass man mich nicht gehen lassen durfte, bevor nicht mit einer Spiegelung von Bronchien und Luftröhre geprüft worden war, ob sich dort noch Teile der Kirsche versteckten. Das könnte sich angeblich binnen Stunden entzünden und wäre wiederum lebensbedrohlich gewesen. Diese Spiegelung konnte die junge Ärztin aber nicht machen.

Ich saß nun also mit Sauerstoffflasche im Behandlungszimmer und wartete. Husband schaute immer noch beunruhigt auf den Monitor. Immerhin war der Sauerstoffgehalt im Blut schon auf 80 hoch, 100 ist der Normalwert. Ein Pfleger kam, man kümmere sich um ein Zimmer für mich auf einer Station, weil sich wohl niemand finden würde, der in der Nacht noch eine Spiegelung machen könne. Wir scherzten, dass ich mich doch glücklich schätzen könne. Das Wartezimmer draußen sei voll, die Wartezeit würde sechs Stunden betragen! Wegen Weihnachten? Nein, eigentlich immer! Hell No!

Sauber ist anders – aber ich will nicht pingelig sein

Um halb eins schickte ich Husband heim. Draußen tobte das Chaos, ich legte mich auf der Behandlungsliege flach hin und versuchte, nicht auf den angebrochenen Tisch, die ausgehängte Tür des Regals und die Behandlungsreste der vorherigen Patienten auf dem Fussboden zu achten. Jetzt ist nicht die richtige Zeit für Pingeligkeiten, dachte ich mir, schließlich waren Ärztin und Pfleger wirklich reizend. Außerdem war Weihnachten. Gegen halb zwei Uhr nachts wurde mir ein Venenkatheter in die rechte Hand gelegt. Dafür hätte der Stationsarzt am nächsten Tag ganz sicher keine Zeit, darum mache man es jetzt schon mal. Wohlbemerkt war der Zugang nicht für irgendeine Versorgung die ich zu der Zeit bekam, sondern schon für die Narkose bei der Bronchoskopie!

Nachts um drei kam ich dann endlich auf die Station. Rote Kugeln hingen an der Wand, Zweige lagen auf den kleinen Tischchen im Gang, Weihnachten halt. Vordergründig alles ok. Die Nachtschwester war weniger besinnlich, eher im Voll-Stress. In meinem Zimmer musste sie erst einmal das (benutzte) Bett gegen ein (hoffentlich) Neues austauschen und gleichzeitig eine Patientin behandeln, die ihren Alarm ausgelöst hatte.

Mein Zimmer

Mein Zimmer

Ich beruhigte derweilen mit heiserer Stimme eine ältere Dame, die verwirrt auf dem Flur nach der Schwester rief. Dann bekam ich Hemdchen und Zahnbürste und machte mich in dem (ebenfalls benutzten und noch nicht gereinigten) Bad etwas frisch. Den großflächigen Schimmel an der Badezimmerdecke habe ich mir lieber nicht so genau angeschaut. Ebensowenig das Kopfkissen, was mit den Jahren zu einem Kunstwerk aus zusammengewachsenen Schaumstoffklumpen geworden war, und bereits nach einer Nacht Kopfschmerzen verursachte. Wie gesagt, keine Zeit für Pingeligkeiten.

Willkommen in der Warteschleife

Am nächsten Tag passierte lange nichts, außer dass der Venenkatheter unter irren Schmerzen wieder entfernt wurde. Es hatte sich wohl etwas entzündet, meine Hand ist jedenfalls dick und blau. Die gleiche junge Ärztin, die nachts in der Notaufnahme war, legte mir eine neue Kanüle in den Arm.  Irgendwann huschte eine andere Ärztin herein, fragte mich, ob die Bronchoskopie schon fertig sei. „Nein“, krächzte ich irritiert.  Husch, war sie weg. Ich hatte Hunger und Durst, mein Hals und meine Bronchien brannten wie Teufel, vor der Narkose durfte ich aber nichts bekommen.

Nach der Op

Kleiner Gruß aus der Küche… äh, dem OP

Gegen 14 Uhr am nächsten Tag dann endlich war es soweit. Alles ging gut, keine Reste in den Atemwegen. Als ich aus der Narkose aufwachte, lag ein Mon Chéri auf meiner Brust. Ein kleines Geschenk des Arztes. „Bei uns braucht man schwarzen Humor“, meinte die Pflegerin, die mich wieder ins Zimmer hochschob. Wir lachten, dann legte ich mich wieder auf meinem Schaumstoffklumpen.

Als ich später fragte, wann ich gehen könnte, konnte sie mir keine Antwort geben. Erst müsste mich noch ein Arzt sehen. Mit Husband, der mir frische Kleidung gebracht hatte, schaute ich einen Tierfilm, einen Islandfilm und Tom Sawyer. Nichts passierte. Gegen Abend zog ich mich an, ging raus und teilte der Schwester mit, ich würde jetzt gehen. Hunger!!!! Fünf Minuten später kam sie mit einem Briefumschlag für meinen Hausarzt ins Zimmer und meinte, das wäre vom Stationsarzt. Er hätte noch keine Zeit.

Hoffentlich werde ich nie richtig krank

Im meinem Krankenhaus (dessen Namen ich hier nicht nenne, weil ich nicht möchte, dass ein Arzt oder Pfleger Ärger bekommt)  waren alle sehr nett, aber völlig überlastet und überfordert.  Ich frage mich, was gewesen wäre, wenn ich die Kirsche nicht selbst ausgehustet hätte? Oder wenn ich sofort hätte operiert werden müssen? Und dann so niemand da gewesen wäre… Nein, das frage ich mich besser nicht.

Vielleicht hat dieses Krankenhauses den Rotstift zu oft eingesetzt, und zu viel gespart? Die Personaldecke ist nicht nur hauchdünn, sondern offensichtlich bereits gerissen. Meine Bewunderung gilt den Menschen, die hier arbeiten und sich aufreiben für die Patienten, der Verwaltung allerdings würde ich empfehlen, selbst einmal Patient in ihrem Haus zu sein. Undercover. Nur eine Nacht. Wer weiß, vielleicht würde das einiges ändern. Frohe Weihnachten nachträglich, und lieben Dank an alle, die mir so schnell geholfen haben. Susanne


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5 Kommentare

  1. Lini sagt

    Hallo Susanne!

    Haben sich deine Stiefkinder wenigstens nach deinem Befinden erkundigt ?

    • Susanne Petermann sagt

      Oh, die sind ja erwachsen und wohnen nicht bei uns. Die haben das also gar nicht mitbekommen. Aber sie haben über meinen Mann liebe Grüße ausgerichtet, als er ihnen am Telefon berichtete.

  2. Sandra sagt

    Hallo Susanne, frohe Weihnachten. Hier ist es auch nicht anders ?. Ich war zwar schon öfter im Krankenhaus, aber nur 1x wirklich Notfall. Auf der Entbindungsstation war vor 8 Jahren hier auch der Stationsarzt mit der Aufgabe überfordert, ging und verwies mich an den Oberarzt. Der käme gleich. Die Hebamme gab mir ein Medikament, um die wehen aufzuhalten. 20 Minuten später guckte er wieder durch die Tür und verwies mich an den Chefarzt. Der käme gleich. Nochmal 40 min. Schickte die Hebamme dem Chefarzt die Botschaft, er bräuchte nicht mehr kommen für die pda. Es ginge los. Obwohl seit Wochen bekannt war, dass die Geburt für mein Kind gefährlich ist, denn es hatte die Nabelschnur um den Hals gewickelt, brachte ich es komplett ohne arzt zur Welt und hatte am ende Glück, dass es glimpflich ausging. Als alles geschehen war, kam wieder ein Arzt ins Entbindungszimmer.

    Ich kann dich verstehen: Wenn man wirklich drauf angewiesen ist und es auf Leben und Tod drauf ankommt, freut man sich über 5min Zeit eines kompetenten Arztes.

  3. Oh ja, dass klingt nach Abenteuer. Ähnliches habe ich mit 11-12J in Bad Urach (oder so ähnlich) erlebt. Und vor 5J in Hagenow, bin ich kaputter raus als rein… das bringt Freude?

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