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Ich bin gescheitert – Eine Stiefmutter gibt auf

Ich bin gescheitert

Ich kenne Sabi seit einigen Jahren. Ich habe sie immer sehr dafür bewundert, wie viel sie seit elf Jahren für ihre kleine Patchworkfamilie macht. Wie viel sie investiert und wie sehr sie sich selbst zurück nahm. Immer wieder opferte sie sich für die andern auf. Für seine Kinder, sogar für seine Ex. Ich habe mich stets gefragt, woher sie die Kraft dafür nahm. Ich weiß, ich hätte das nie gekonnt. Jetzt kann Sabi es auch nicht mehr. Sie schrieb mir, sie sei gescheitert. Und sie bat mich, ihre Geschichte mit Euch zu teilen. Als Warnung und als Aufruf an alle Stiefmütter, sich niemals selbst zu verlieren. Und als Bitte an die Männer, ihre Frauen nicht zu übersehen.

Ich bin gescheitert! Wie konnte das passieren?

„Ich bin kein Feigling, ganz im Gegenteil. Ich bin äußerst tapfer und war optimistisch, sowohl die Beziehung zu meinem Mann als auch zu seinen Kindern und mir selbst zu meistern. Auch wenn es nie einfach war in dieser Konstellation und in unserer Patchwork Familie! Im Nachhinein bin ich sicher, dass ich die Verliererin bin, weil ich niemals in dieser Zusammensetzung gewinnen konnte.

Ich tat sehr viele Sachen obwohl ich wusste, dass sie nicht meinen Prinzipien entsprachen. Ich war nicht immer authentisch, weil ich oft unsicher wurde und die Lage nicht einschätzen konnte. Ich war super lieb, immer konstruktiv, immer hilfsbereit. Es gab nichts, was ich nicht gemacht hätte. Kindergeburtstage, jeden Tag gutes, warmes, gesundes Essen kochen, Fahrdienste, Krankenpflege, Trösten, mit der Mutter der Kinder ein Verhältnis aufbauen. Das ging komplett auf meine Kosten, aber ich wollte, dass sie keine Barrieren spüren, um gegenseitige Besuche auch außerhalb der Kindertage zu gestatten. Ich habe immer alles gemacht.

Ich habe alles gemacht – und mich verloren

Rückblickend kann  ich nicht mehr genau sagen, wann ich gescheitert bin und alles zusammen brach. War es, als ich meine Tochter gekriegt habe?  Jeden Tag gehe ich meine Erinnerungen durch. Ich kann nur sagen, dass ich total überglücklich in allen Sinnen war, bis ich von seinen Kindern abartige Kommentare kassierte.

Instinktiv spürte ich, dass die Kinder mit der Situation überfordert waren. Wir waren eine intakte Familie, meine Tochter erfuhr mehr Regelmäßigkeit als sie. Irgendwann begannen sie nicht mehr loyal, nicht mehr moralisch zu sein. Sie wurden sehr fies, sehr lügnerisch und hinterhältig.

Jahrelang habe ich mir eingeredet, dass ich mir alles einbilden würde. Ich habe mich immer mit meinen selbst gemachten Mantras getröstet: sie werden irgendwann einsehen dass ich weder gegen sie was habe, noch gegen unsere Patchwork Familie.

Mein Mann stand nie zu mir

Ich erspare euch die Details. Sie haben gemeinsam gegen mich gearbeitet und haben gemeinsam ihren Vater manipuliert. Mein Mann hat sich alles angehört und mich dann so zur Rede gestellt, dass ich aus allen Wolken fiel! Wo war sein Vertrauen? Er hätte mich doch kennen müssen! Unser Zusammenhalt wurde immer weniger, die letzten drei Jahre habe ich das so vermisst.

Als naive Stiefmutter, die mit vielen Schwierigkeiten umgegangen war, die sich in vielen Situationen sehr heldenhaft bewiesen hatte, hätte ich mir gewünscht und verdient, dass er nicht auf jedes Spiel von seinen Kindern reingefallen wäre. Stattdessen sagte er: Egal was sie machen, egal was sie sagen, ich werde immer zu meinen Kindern stehen! Sie wussten das. Sie haben das bis zum Letzten ausgenutzt. Ich muss jetzt sagen, ich habe diesen Kampf verloren. Ich bin gescheitert!

Ich verlor mich selbst

Zum Schluss kamen so viele Mobbings von den Kindern, dass es für mich immer enger und enger wurde. Egal, was ich machte, egal was ich sagte, egal wie ich guckte, immer suchten sie einen Fehler bei mir und berichteten den beim Papa! Irgendwann  war der Bruch so groß geworden, dass ich in dieser Konstellation nur in meiner stillen Kammer existierte und nicht mal zu meiner Tochter was sagen konnte!

Mein Mann hat mir dann einen Brief geschrieben, in dem er mich darum bat, auszuziehen. Er wollte keine Frau an seiner Seite haben, die ihn verachtet und Aggressionen gegen ihn hegt. Dieser Brief war erstmal wie einen Schlag in den Magen. Dann habe ich sehr lange überlegt. Was er schrieb, wie er alles beschrieb, war doch richtig. Ich habe irgendwann mal angefangen, diesen Mann zu verachten. Da wareen ihm gegenüber Gefühle, von denen ich zuvor keine Ahnung hatte, dass sie existierten: Aggression, Wut, Hass, und richtiger Ekel. Diesen schönen Mann, der die Liebe meines Lebens war, habe ich richtig ekelig gefunden. Es tat mir gleichzeitig leid, aber ich konnte diesen mächtigen, schönen Mann nicht mehr mit schönen Gefühlen assoziieren.

Er hat mich im Stich gelassen

Er zog ausschließlich an einem Strang mit den Kindern, glaubte immer ihre Version der Geschehnisse. Die basierte auf Lügen und dem Plan: „Wir wollen Sabi hier rausjagen! Mit allen Mitteln, egal was es kostet“. Genauso haben sie es geschafft, und diesen Kampf oder besser gesagt Schlammschlacht, habe ich verloren. Ich hatte keine Würde mehr. Vor den Kindern hat er mich wie einen Putzlappen benutzt und behandelt. Die Trennung hatte ich jahrelang vor mir her geschoben, wegen unserer Tochter. Jetzt weiß ich, dass ich diese Trennung gerade wegen ihr machen muss! Ich will nicht mehr, dass sie eine Mutter erlebt, die so sehr gelitten hat und die so passiv in der Ecke sitzen musste, dass sie immer kleiner und unsicherer wurde! Den Schritt der Trennung mache ich in der ersten Linie für mich, damit ich mich erhole. In der zweiten Linie für meine Tochter, damit sie in diesem Leben endlich die Chance kriegt, mich wahrhaftig kennenlernen zu dürfen.

Ich bin gescheitert, traurig und immer noch traumatisiert von all den Erlebnissen der letzten Zeit . Wenn ich mich aber richtig erholt habe, meine eigenen vier Wände bezogen habe, werde ich mich Stück für Stück von all den grauen Tagen befreien. Dann werde ich sagen, aus dem Scheitern habe ich mir all das mitgenommen, um wieder ein tolles Leben für mich UND für meine Tochter aufzubauen! Kinder müssen nicht dauerhaft in der Spannung leben. Sie müssen auch mitkriegen dass jeder Konflikt jede Spannung irgendwann mal gelöst und losgelassen ist!

Für meine Tochter

Als ich in seinem Brief las: „Wenn du mich verachtest, geh einfach“, fand ich das nicht mal übertrieben. Ich verachte diesen Mann mit allen Poren. Ich habe keinerlei Gefühle mehr, die positiv sind. Nur, dass er der Vater von meiner Tochter ist. Aber dass er mich so schlecht behandelt hat, und das nicht ein einziges Mal einsehen wollte, sondern immer alles auf mich schob, hat mich Jahre meines Lebens gekostet. Jetzt habe ich genug.

Dank meiner Tochter habe ich noch Lebensessenz in mir. Ich will, dass ihr Frauenbild nicht dem einer unterwürfigen Frau entspricht, sondern dem einer Macherin. Keine heulende, sondern eine in die Tat umsetzende Frau. Keine herumsitzende, sondern eine forcierende Frau.

Für Respekt muss niemand kämpfen – auch keine Stiefmutter

Ich habe für mich sehr viel gelernt: Kein Mensch muss für Respekt kämpfen. Entweder ist Respekt da, oder nicht. Dafür zu kämpfen, Respekt zu erlangen, war mein größter Fehler. Ich hätte längst gehen sollen. Wer es nicht nötig sieht, mir Respekt entgegen zu bringen, bei dem habe ich nichts mehr zu verlieren!

Aus dem Grund ist meine Botschaft an alle Frauen, an alle Stiefmütter auf unserer Welt: Lasst euch nicht erniedrigen. Lasst euch nicht klein machen. Habt Vertrauen auf Eure Instinkte, eure innere Stimmen, oder die Zeichen, die von der göttlichen Kraft immer wieder zu euch geschickt werden. Seid Euer eigener Führer auf dieser Reise. Stellt eure Antennen an, diese Antennen werden euch stärken. Habt immer Mut und Stärke, das zu sagen, was nicht in Ordnung ist! Habt immer Mut eure Schwächen zu zeigen.

Seid stark und lasst euch nicht erniedrigen

Ich zeige Euch allen meine Schwäche. Ich bin komplett gescheitert in unserer Konstellation. Für mich wurde es irgendwann mal so verfangen, dass ich keinen Sinn mehr sah. Sei es in unserer Ehe als Mann und Frau, oder auch in dieser Familie. Diese Erfahrung will ich vergessen, denke ich mir gerade in meinem Schmerz, in meinem Chaos. Dennoch weiß ich ganz genau, dass ich aus dieser Erfahrung mit vollster Dankbarkeit herauskommen werde.

Wir Frauen besitzen unheimliche Kräfte und Stärken in uns. Solange wir die gut umsetzen können, sind wir immer auf dem Weg, uns ständig zu entwickeln. Wir können alles hinkriegen, das ist außer Zweifel. Aber wenn wir uns auf eine Partnerschaft einlassen, sollte der Partner nicht derjenige sein, der ständig auf uns herumtrampelt.

Ein Partner sollte beflügeln, nicht beschränken

Der Partner sollte derjenige sein, der uns bei unseren Ideen und Träumen nur beflügeln will. Die Frauen werden nicht beflügelt, indem sie ihre Richtung verlieren. Jede Frau die sich verwirklichen will, will das nicht deswegen, weil sie das Zuhause langweilig findet, oder die Familie nicht mehr ertragen kann. Sie will das, weil sie gerade wegen der Familie so viel Kraft und Ideen kriegt, dass sie sich alles zutraut. Es gibt ein persisches Sprichwort:

Du kannst aus jedem Menschen einen König oder einen Bettler machen. Behandle ihn wie einen Bettler, und er wird sich so fühlen. Behandelst du  ihn wie einen König, wird er einer werden.

Fühlst Du dich wie ein Bettler, frage dich, ob du dich vielleicht mit den falschen Leuten umgibst!

Jetzt beginnt eine neue Zeit

Jetzt startet eine neue Zeit. Ich werde vielleicht etwas egoistischer sein und mehr darauf achten, ob der Inhalt stimmt. Nicht ob der Schein stimmt. Vor allem bei mir. Ich werde mich wieder auf meine Instinkte verlassen und mich vor allen Dingen bei mir entschuldigen, dass ich all das so lange mitgemacht habe. Meine Hoffnung war, dass alles innerhalb dieser Familie eine gute Wendung bekommt. Aber nach so vielen Versuchen weiß ich im Grunde genommen: Es waren meine Ängste, die mich beherrscht haben, nicht meine Hoffnungen!

Ich werde mich nicht mehr verstecken und heulen, sondern all die Sachen, die mich von hier retten sollen, umsetzen. Dafür will ich alles loslassen. Meine Verachtung, meine Wut, meine Aggressionen, meine Trauer, und mein Leben schöner gestalten. Meinen Mann habe ich längst losgelassen. Aber ich arbeite noch sehr intensiv daran, mich von meiner Tochter zu trennen, wenn sie bei Papa ist und ich sie loslassen soll. Ich lerne, ihr Vertrauen und Liebe aus der Ferne zu schicken, und meine Trauer nicht in den Vordergrund zu stellen, damit sie sich überall ein sicheres Netz bauen kann und sich überall geliebt fühlt. Drückt mir die Daumen für meinen neuen Anfang! “

Sabi


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In eigener Sache: Ich weise darauf hin, dass der Stiefmutterblog kein juristisches oder medizinisches Forum ist. Ratschläge, die hier gegeben werden, sollten ggf. von Ihrem Familienanwalt oder Arzt geprüft werden. Ich übernehme keine Haftung für die Ratschläge oder Links, auch nicht in den Kommentaren, freue mich aber sehr über die vielen guten Tipps, die hier gegeben werden.

Foto: Stocksnap

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