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Die Gewissensfrage – Wie würden Sie entscheiden?

Die Gewissensfrage. Foto: Petermann

Mir geht es wie Sonny, Doris, Silke, Siegritt….Gut zu wissen, dass es mehrere von uns gibt. Heute möchte ich eine Frage stellen, für mich eine echte Gewissensfrage. Ich habe meinen Mann vor sechzehn Jahren kennengelernt. Er war damals verheiratet und gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Trotz aller Bedenken haben wir uns einfach verliebt. Zwei Monate später waren wir ein Paar, ein weiteres halbes Jahr darauf zog er zuhause aus und war so schnell wie möglich geschieden.

Einige Jahre später hat sich herausgestellt, dass beide Söhne aufgrund eines Gendefekts eine degenerative Nervenerkrankung haben und körperlich behindert sind. Beide sind auf einen Rollstuhl angewiesen, geistig aber gesund.

Große Probleme hat von Anfang an die Mutter gemacht. Sie lehnt trotz der langen Zeit seit der Trennung jegliches Gespräch mit meinem Mann ab. Kommunikation erfolgt von ihrer Seite nur schriftlich, über die Kinder oder über Email, in der Regel in Form von Anweisungen oder Forderungen.

Glücklicherweise verdient mein Mann ausreichend und so hat die Ex keine finanziellen Sorgen, sie braucht nicht weiter zu arbeiten. Zudem übernimmt mein Mann größere Ausgaben (Laptops, Nachhilfe, Brillen, Klassenfahrten, usw.) anstandslos. Er war nie in Zahlungsverzug, hat auch dann, als wir beide unsere Jobs verloren hatten oder er eine Lohnkürzung in Kauf nehmen musste, nie den Unterhalt kürzen lassen, sondern freiwillig immer mehr geleistet als er musste, notfalls aus Ersparnissen. Er ist extrem zuverlässig, versetzt sie nicht, hält Abmachungen ein und kommt nie nennenswert zu spät. Besuchswochenenden fallen nie aus, werden notfalls (Dienstreisen) nachgeholt, aber immer rechtzeitig angekündigt.

(Ja, er ist toll, ich weiss. Deswegen liebe ich ihn ja auch 🙂 )

Sie hingegen schikaniert ihn ganz gerne mal. Er kam einmal  (400km von der Arbeit, Schneegestöber) 15 Minuten zu spät, um die Kinder Freitag Abend zu holen. Da hat sie ihn wieder weggeschickt, er möge morgen wieder kommen, wenn er nicht pünktlich sein könne. Nur so ein Beispiel.

Die Kinder verbringen jedes zweite Wochenende von Freitag bis Sonntag bei uns, etwa vier Wochen der Ferien und jede Zeit, die die Mutter krank, allein oder mit nur einem Kind in Kur ist. So kommen wir im Schnitt auf etwa 100-130 Tage pro Jahr. Ärgerlich ist, wenn sie mal eben kurzfristig ausfällt, obwohl sie es schon länger wusste. Das sah dann zum Beispiel so aus: Zweizeiler per Email: „Ich bin krank, die Kinder kommen übermorgen zu Dir.“ Mehr Information gab es nicht. Dass es sich um eine Beinoperation mit anschliessender Reha handelte, durften wir nicht vorab erfahren. Es wurden 9 Wochen daraus. Für uns völlig unabsehbar.

Kein Problem generell, hilft ja nichts, es wäre aber schon einfacher gewesen, wenn wir so was hätten abschätzen oder planen können. Ich konnte zu der Zeit Gottseidank im Homeoffice arbeiten (denn es waren auch noch Ferien!) und mein Mann kurzfristig nur den halben Tag. Fehlzeiten mussten wir natürlich später einarbeiten. Ein grosser Dank hier mal an alle flexiblen Chefs!

Die Kinder besuchen seit der vierten Klasse eine Integrationsschule und werden täglich von einem speziellen Schulbus zuhause abgeholt (ca. 7 Uhr) und wieder gebracht (ca. 14:30 Uhr), wenn nötig beide zu unterschiedlichen Zeiten. Nachmittags kommen täglich zwei Hilfskräfte ins Haus, um ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, anschliessend daran wöchentlich die Nachhilfe und die Physiotherapie.

Ich denke, die Mutter hätte wirklich alle Mittel und Zeit der Welt, ihren Mutter-Job gut zu machen, oder? Aber was ist passiert in all den Jahren? Die Kinder haben keine Interessen, keine Freunde, keine Hobbies und leider auch keinerlei Wissen oder Bildung, das über Schulwissen hinausgeht. Ihre Freizeit verbringen sie nur vor Bildschirmen.  Geistiger Horizont gleich 40 Zoll. Sorry, das war gemein.

Ihr Sozialverhalten ist ….    mangelhaft. Sie kennen weder die einfachsten höflichen Umgangsformen, noch sind sie in der Lage einem Gespräch zu folgen, das nicht sie selbst zum Inhalt hat. Sie haben es in 16 Jahren nicht geschafft, mir unaufgefordert guten Tag zu sagen oder ihrem Vater zum Geburtstag zu gratulieren. Vatertag, das Wort haben sie nie gehört. Er wird auch schon mal als „Vollidiot“ oder „fette Sau“ tituliert.     Solche Worte sind bei uns tabu, da haben sie solche Umgangsformen also nicht gelernt.

Im Alter von 17 Jahren war der Ältere der beiden noch immer nicht in der Lage, seine Kleidergröße oder seine vollständige, langjährige Adresse anzugeben. Sie sind nicht in der Lage, ihre Schulsachen alleine zu packen, ihr zuhause allein zu betreten (obwohl natürlich rollstuhlgerecht) oder bei kaltem Wetter eine Jacke mitzubringen.

Letztes Jahr hat ein Sohn die Zulassung für eine weiterführende Schule verpasst und musste drei mündliche Nachprüfungen ablegen. Die Englischprüfung – Hand aufs Herz – hätte er ohne meine Nachhilfe wirklich nicht geschafft. Aber es hat geklappt, das allein zählt. Nur: zur tollen Abschlussfeier /Party hat er nicht mal seinen Vater eingeladen, weil „die Mama hat schon ein bisschen mehr für mich getan als Du“.

Ich bitte immer wieder um ein kleines bisschen Kooperation und Rücksichtnahme an den Wochenenden. („Denkt dran den Behinderten-Parkausweis mitzubringen“. „Bitte sagt Bescheid, wenn Ihr Saft verschüttet, damit ich das gleich wegputzen kann“. „Sag Bescheid, wenn Dir schlecht ist, dann stellen wir einen Eimer parat.“) Völlig erfolglos. Parkgebühren immer wieder, eingesiffte Böden, zigfach nachgekaufte Ladekabel, vollgebrochene und gekotete Wäsche und Betten. Hunderte Euros Flugstorno wegen angeblicher Kopfschmerzen.

An den Wochenenden trauen wir beide uns maximal mal ne Stunde zum Joggen weg (sofern meine Eltern dann im Nebenhaus telefonisch erreichbar sind).

Positive Erlebnisse? Schon seit Jahren nicht mehr. Auch das Wort „schön“ oder „super“ hab ich aus Kindermund eigentlich nie gehört. Trotz vieler Versuche (Erlebnisparks, tolle Urlaube, super Sportevents, besondere Leckereien, immer das Neueste an Unterhaltungselektronik) bestenfalls gnädiges Akzeptieren. „Generation Anspruch“ eben. Und ich denke, BEIDE Eltern haben versäumt, den Kindern Freude und Empathie beizubringen. Das ist wohl ihre eigentliche Behinderung.

Die Kinder tun mir schon leid, es ist alles wirklich traurig und echt nicht einfach. Aber es könnte noch schlimmer sein, wie sie eigentlich jeden Tag an Klassenkameraden sehen könnten, die mit Beatmungsgerät zur Schule kommen. Oder gar nicht mehr kommen können. Ich bin selbst mit einem körperbehinderten Bruder aufgewachsen und weiss noch gut, wie sehr er sich für vieles anstrengen, ja quälen musste. Aber es ist ein so toller, liebenswerter und vor allem zufriedener Mensch aus ihm geworden, ich bin nur noch stolz auf ihn. Aber er musste sich eben MEHR anstrengen als andere, nicht weniger. Und heute sehe ich 2 Kinder, denen man alles abnehmen will, die sich für nichts in der Welt Mühe geben. Und die an nichts Freude haben. Nur Selbstmitleid.

Die Gewissensfrage. Foto: Petermann

Die Gewissensfrage. Foto: Petermann

Nun ist aber mittlerweile die Situation so, dass die Mutter zunehmend physisch mit der Betreuung der Kinder (16 und 19 Jahre alt) überfordert scheint. Sie sind schlicht zu gross und zu schwer. Kürzlich ist ihr einer der beiden beim Duschen – was nur noch 1mal wöchentlich stattfindet weil zu anstrengend – entglitten und zu Boden gefallen. Sie konnte ihn allein nicht wieder heben, es musste der Sanitätsdienst gerufen werden. Trotzdem hält sie an häuslicher Unterbringung fest und lehnt eine Unterbringung in einer betreuten Wohngruppe kategorisch ab. Weil der Junge dann ab und zu beim Zubereiten der eigenen Mahlzeiten helfen müsse, was ihm nicht zumutbar sei. Und weil die Zimmer der WG nicht neu und gross genug seien.

Auch bei uns zuhause wird die Pflege langsam zum Problem, mein Mann (52) riskiert seine Gesundheit (Rücken) durch das viele Heben und auch hier könnte es zu Unfällen kommen, weil wir nicht alles behindertengerecht haben (Badezimmer!).

Was mir richtig Angst macht, ist, dass es tatsächlich zu einer Verletzung bei den Kindern kommen könnte. Denn ich bin sicher, die Mutter würde mit Freuden umgehend Anzeige erstatten, um finanziell damit alles aus meinem Mann rauszupressen, was irgend möglich ist. Ich habe Angst um unsere Zukunft, um alles, was wir uns geschaffen haben.

Ich habe das Gefühl, dass wir nur noch Pflichten haben und all unsere Rechte und Wünsche irgendwann mal an der Garderobe abgegeben haben. Wir sind auch (wie die Mutter) permanent am Leistung bringen, aber Rechte scheinen nur Mütter und Kinder zu haben. Mein Mann verzichtet auf alle seine Rechte, viel aufgrund von Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen. Ich weiss, er ist nicht konsequent genug. Aber da ist immer das Argument Scheidungskinder UND behindert.

Ich denke, ich kann nun nicht mehr. Ich möchte jetzt ein paar gute Jahre haben, Zeit für unser eigenes Leben. Unsere Beziehung. Und mein zuhause endlich für mich. Wo wir doch schon auf eigene Kinder verzichtet haben. Es gibt das Angebot externer, professioneller Hilfe, soll heissen betreute Wohngruppe.

Darf ich (moralisch) verlangen, dass das angenommen wird und andernfalls meine Unterstützung verweigern?

Sabine

PS: Danke, dass ich mich mal auskotzen durfte. Das tat unglaublich gut.

((Anmerkung: Ich habe einen Ausschnitt aus dem Email Wechsel mit Sabine als Kommentar angehängt. Ich werde jeden Kommentar löschen, der ihr Vorhaltungen macht ohne zu reflektieren. Susanne))

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