Die Kinder
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Schwer erziehbar – und nun?

Ich bin müde. Sehr müde sogar. Fast zwei Stunden vor meiner üblichen Zeit bin ich heute morgen aufgestanden. Nicht freiwillig, nicht wegen eines frühen Urlaubsfliegers. Schon die Nacht war nicht schön, drei Mal wurde ich geweckt. Auch wenn mein Mann dann aufstand und nach dem Kleinen sah – ich war diejenige, die nicht weiterschlafen konnte. Der Grund für den seit Sonntag andauernden, guantanamomäßigen Schlafentzug: Ich habe vor drei Tagen ein neues Stiefkind bekommen. George ist neun Wochen alt und lebt jetzt bei meinem Mann und mir. Meine Lotta, 12, ist nicht begeistert. Überhaupt nicht begeistert. Sie hält den Neuankömmling für schwer erziehbar.

Schwer erziehbar – Was nun?

Falls Sie jetzt darüber nachdenken, ob bei mir demnächst eine Scheidung wegen Fremdgehens bevorsteht, kann ich Sie beruhigen. Die echten Kinder sind schon aus dem Haus, George und Lotta sind Hunde. Patchwork-Hunde sozusagen.

Als ich mit Lotta bei meinem Mann einzog, hatte er – neben seinen drei Kindern – auch zwei Hunde. Malwina und Edda waren schon etwas ältere Whippet-Damen, Lotta, zu dem Zeitpunkt, ein spritziger Jung-Terrier, der die beiden älteren Damen aufmischte.

Heute ist Lotta zwölf, die anderen Hunde lange tot. Über Nacht haben wir  ihr jetzt einen Welpen präsentiert. Der Wunsch kam nicht von mir, mein Mann wollte einen Welpen. Nun ist er da und Lotta not amused. George bedeutet Konkurrenz, die ununterbrochen um sie herum wuselt, ihr in den Schwanz beißt, ihr Futter fressen will, auf ihrem Platz liegen will – eben einfach nervt. Ihre Blicke und ihr Verhalten sind eindeutig: Der soll wieder weg!

Nun haben wir Glück. Lotta ist ein fröhlicher, freundlicher Hund, George ein entzückender Welpe von einer sehr aufmerksamen Züchterin. Die Chancen, dass sie sich an das Leben im kleinen Rudel gut gewöhnen werden, sind groß. Fachleute sagen es würde zwischen ein und zwei Monaten dauern, bis der ältere Hund sogar Spaß am neuen Paar-Hundeleben haben wird.

Was passiert, wenn ein Baby kommt?

Einige Stiefmütter kennen wesentlich schlimmere Situationen, wenn ein neues Familienmitglied kommt. Gerade dort, wo es sowieso schon Probleme mit den älteren Kindern gibt, kann es sogar zu schweren Übergriffen kommen. Die Eifersucht, oder auch der Hass auf das neue Geschwisterchen (und die Stiefmutter), gehen in manchen Familien so weit, dass die Kinder dauerhaft getrennt werden müssen, um echten Schaden für das Baby abzuwenden. Betreutes Wohnen, Pflegefamilie oder Kinderheim sind die Stichworte. Eine traurige Vorstellung für alle Beteiligten.

Karina schrieb mir, ihr 11jähriger Stiefsohn hätte bereits eine lange Polizeiakte gehabt, als er bei ihr einzog. Ungeplant, quasi über Nacht, kam dieser Junge zu ihr. „Nachts um eins klingelte der Junge bei uns. In der Hand eine Plastiktüte mit dem Nötigsten. Wir waren völlig überrascht. Mein Mann hatte vorher jahrelang darum gekämpft, dass der Junge bei uns leben kann. Aber ihm wollte keiner zuhören. Jetzt lebt er seit einem Jahr bei uns. Ich war schwanger als er einzog, das Baby ist jetzt ein halbes Jahr alt. Ich bin allein mit den Kindern, mein Mann arbeitet. Der Große hasst seinen kleinen Bruder. Ich kann sie nicht allein lassen, weil ich Angst um das Leben meines Kindes habe. Einmal konnte ich nur knapp verhindern, dass er das Baby in der Wanne unter Wasser drückte. Ich weiß nicht mehr, wie es weiter gehen soll.“

Was soll man dieser Stiefmutter raten? Wie kann man ihr helfen? Tipps á la: „Du musst das Kind nur lieben, dann wird das schon…“ erscheinen mir hier nicht ausreichend zu sein.

Mein Mann und ich haben uns Bücher angeschafft, bevor wir George abholten. Ratgeber über die Haltung mehrerer Hunde. Schritt für Schritt wird dort erklärt, was passieren kann und wie man bei Problemen reagieren sollte. Eine prima Sache. So einen Ratgeber würde ich mir auch für Stiefmütter wünschen, die ein Baby bekommen und deren Stiefkind schwer erziehbar bis kriminell sehr kompliziert ist.

Bisher kenne ich kein Buch zu diesem Thema, es gibt Tipps aus dem Internet zu dem Thema Patchworkgeschwister. Allerdings hören die Ratschläge meist dort auf, wo es richtig schwierig wird. Mich würde interessieren, ob Sie mir eine Buchempfehlung geben können? Oder haben Sie eigene Tipps? Kennen Sie Internetseiten für absolute Problemfälle? Wo finden Stiefmütter Hilfe, wenn es um den Kampf der Stiefgeschwister geht?

Susanne

P.S. Update: Diesen Beitrag habe ich vor genau einem Jahr geschrieben. Mit ihrer Einschätzung, dass der Neuankömmling schwer erziehbar sei, hatte Lotta absolut Recht. Auch wenn George schwer auf unschuldig macht. George

HutSchuh

Aber im Laufe des Jahres, das George jetzt bei uns lebt, haben die Beiden sich aneinander gewöhnt. Nicht nur das – man könnte sagen, sie sind „Partner in Crime“ geworden. Ich wünsche Karina, dass auch bei ihr die Wogen im Laufe der Zeit glatter werden.George und Lotta

 

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In eigener Sache: Ich weise darauf hin, dass der Stiefmutterblog kein juristisches oder medizinisches Forum ist. Ratschläge, die hier gegeben werden, sollten ggf. von Ihrem Familienanwalt oder Arzt geprüft werden. Ich übernehme keine Haftung für die Ratschläge oder Links, auch nicht  in den Kommentaren, freue mich aber sehr über die vielen guten Tipps, die hier gegeben werden

1 Kommentare

  1. Kerstin sagt

    Zu unserer schwierigen Patchwork-Konstellation gesellte sich ein noch schwierigerer Hund. (Manchmal erahne ich ein klein wenig, warum der kurzzeitige Vorbesitzer dem jungen Leben ein Ende bereiteten wollte). Unsere Herzen sind groß – WIR stellen uns der Herausforderung. (als ob wir nicht genügend andere Probleme gehabt hätten). Der Hund zog ein und tat genau das, was hier wohl jeder ausleben konnte – er funktionierte genau so wenig, wie es alle andere Familienmitglieder taten.

    Und wenn man denkt, Menschen kommen irgendwann an den Punkt, wo sie ihr Schicksal nicht bewusst weiter verschlimmern können, da irrt man sich gewaltig.

    An einem Regentag, dem bereits einige weitere Regentage zuvorgegangen waren, da fanden Mann und meine Kinder im Garten eine Baby-Katze… Ein verzweifelter Anruf: „Mama, was sollen wir nur tun????“ Ich die zur Arbeit musste, empfahl das Katzenjunge zunächst mit zu nehmen, wenn sich nun wahrhaft kein weiterer Anhang finden liesse. Also solcher, der EINDEUTIG zur FAMILIE dieser Katze gehörte. Man möge ihr keinen Namen geben, bis ich von der Arbeit Heim kommen würde und selbiger ein sicheres Lager im Bad errichten.

    Tja – so musste sich der Hund (mittlerweile 4 Jahre alt) mit einem Katzen-Baby arrangieren und seine eigene Patwork-Familie gründen… Oder doch zu unserer dazugehörend?

    Auf jeden Fall, wenn ich da so stehe und mit der Katze schimpfe, dann antwortet sie mit einem elenden Miauen, welches wohl sagen soll: „Halt doch den Mund, du bist gar nicht meine leibliche Mama!“ (kommt mir ja irgendwie bekannt vor, nur dass man das kleine Fell-Monster dann einfach unter dem Arm klemmen kann und es somit von weiteren Schandtaten abhalten kann. Oder die Hunde-Mutter in die Pflicht nimmt und die ihr Glück versuchen lässst).

    Apropo – ich glaube keine Fachliteratur der Welt hätte helfen können, manchmal muss man in Leben einfach intuitiv handeln. Dies gilt genauso für Hund/Katzen-Beziehungen wie für das Patchwork-Leben.
    In dem Moment, wo ich mir selbst so rein gar nicht mehr zu helfen weis und in einem Ratgeber nach der „richtigen“ Lösung suchen muss und dann noch versuche diese Idee oder den vorgeschlagenen Monolog möglichst authentisch anzubringen, da habe ich doch wahrlich einfach nur verloren.

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