Familienbande

Grossmutterzwillinge. Foto Stiefmutterblog.com.jpg

Eine Bloggerin hatte mich vor einiger Zeit gefragt, ob ich Lust hätte, etwas über Schubladen zu schreiben. Der erste Gedanke? Klar, da fällt mir das „Schubladen-Denken“ ein,  als Stiefmutter bekomme ich hier Input zur Genüge. Aber ich habe mich für ein anderes Thema entschieden, ich habe etwas über meine Zeitmaschinen-Schulbade geschrieben.  Schubladen können uns abenteuerliche Ausflüge, sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft, ermöglichen.

Die Zeitreisen-Schublade. Foto Stiefmutterblog.com

Foto Stiefmutterblog.com

Meine Zeitmaschinen-Schublade ist die zweite von unten der hintersten Kommode im Rumpelzimmer. Von außen ist sie ganz unauffällig, Model Malm von Ikea, steht wahrscheinlich in Millionen Haushalten auf der ganzen Welt. Auch geöffnet ist sie nicht wirklich spektakulär. Zigarrenkisten, Metallkästen, Dosen, Messingschalen. Aber jene Schublade ist besonders.

Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben und all diese Dinge befanden sich in seinem Aktenschrank. Die Kisten sind gefüllt mit Fotos, Unterlagen, Briefen, Urkunden, Zeichnungen. Briefe aus der Kriegsgefangenschaft, Feldpost, Zeichnungen der Baracken, in denen mein Vater in der Gefangenschaft in den USA lebte. Erinnerungen, die zurück reichen bis in eine Zeit, lange bevor ich geboren wurde.

Erinnerungen und Familiengeschichte. Foto_Stiefmutterblog

Familiengeschichte. Foto: Stiefmutterblog

Eine Ahnentafel ist darunter, auch historische Abschriften aus der Chronik der Stadt, in der meine Familie seit Jahrhunderten lebt. Einer meiner Vorfahren war wohl ein übler Quacksalber, im 18. Jahrhundert drehte er den Menschen seltsame Medizin an. Andere gehörten zu den Honoratioren der Stadt. Auch Erfinder waren unter meinen Vorfahren, Maschinen und Motoren scheinen ihre Leidenschaft gewesen zu sein. Es gab zeitgleich Nationalsozialisten und Kommunisten in meiner Familie. Wie sie sich wohl untereinander verstanden haben? Auf Fotos wirken sie harmonisch.

[bctt tweet=“Eine Reise in die Vergangenheit führt die Gedanken immer auch in die Zukunft.“]

Einige der in den Aufzeichnungen erwähnten Menschen habe ich noch persönlich kennen gelernt, andere sind seit einigen Hundert Jahren tot. Erinnerungen an meine lange verstorbenen Großeltern werden in dieser Kiste wieder lebendig. Bis heute schaffe ich es nicht, meine Oma und ihre eineiige Zwillingsschwester auf allen Fotos zu unterscheiden.

Grossmutterzwillinge. Foto Stiefmutterblog.com.jpg

Grossmutterzwillinge. Foto Stiefmutterblog.com

Die Frau meines Cousins ist schwanger. Am Wochenende erst sprachen wir darüber, ob es wohl Zwillinge werden. Auch ihre Großmutter ist ein Zwilling. Ich werde ihr das Foto meiner synchron Kartoffeln schälenden Großmutter-Zwillinge mailen. Wer weiß, vielleicht kommt es auch in ihr Fotokästchen. Immerhin ist es die Ur-Großmutter ihres ungeborenen Kindes. Eine Reise in die Vergangenheit führt die Gedanken immer auch in die Zukunft.

Ab und zu setze ich mich mit einem der Kästchen auf den Teppich und versuche, die zum Teil in Sütterlin geschriebenen Texte zu entziffern. Ich male mir dann aus, wie das Leben dieser Menschen wohl war. Und ich frage mich auch, ob ich etwas von ihnen geerbt habe. Manchmal entdeckt man auch interessante Verbindungen.

Stammbuch mit ungeahnter Verwandtschaft. Foto Stiefmutterblog.com

Stammbuch mit ungeahnter Verwandtschaft. Foto Stiefmutterblog.com

Irgendwie scheine ich väterlicherseits um 17 Ecken mit der Weltmeisterin und Olympiasiegerin Sandra Auffahrt (Dressurreiten) verwandt zu sein. Jedenfalls tauchen ihre Ahnen im Jahr 1797 auch in meinem Stammbuch auf. Dabei sind Pferde so gar nicht meine Sache. Mein Vater allerdings war begeisterter Reiter und schwer enttäuscht, dass ich von seiner Leidenschaft so gar nichts geerbt habe. Die Weltmeisterin und er scheinen in der Beziehung mehr Gene zu teilen.

Manche Gesichtszüge ziehen sich auf den Fotos von Generation zu Generation durch und sind sofort als „Familienmerkmal“ erkennbar. Einige Verwandte sehen als Kinder schon genauso aus, wie später als Greis. Meine ganz allgemeine Erkenntnis: Frauen wirkten früher mit 40 Jahren schon deutlich älter als heute mit 70. An dieser Stelle ein Dankeschön an die Kosmetikindustrie und die Emanzipationsbewegung 🙂

Interessant ist es, dass durch einen Ahnenpass keine Information über Scheidung oder Wiederheirat gegeben werden. Geschweige denn darüber, ob neue, sogenannte „soziale“ Eltern, also Stiefmutter oder Stiefvater, in das Leben eines Kindes traten. Für die Abstammungsurkunden ist das egal. Jedes Kind hat nur einen Vater und eine Mutter. Genauso wie deren Eltern einmalig sind.

Durch den Stiefmutterblog höre ich oft Geschichten von Kindern, die zu der einen Familienseite gar keinen Kontakt mehr haben. Nach der Trennung leben sie bei einem Elternteil, haben nur noch Kontakt zu dessen Familie. Die andere Seite ist wie abgestorben. Sei es, weil ein Elternteil keinen Kontakt mehr will, sei es, weil ein Elternteil ihn verhindert. Mich macht das immer sehr traurig. Was muss diesen Kindern fehlen? In meiner Schublade sind Kisten mit Fotos und Urkunden von beiden Seiten meiner Familie. Auch wenn meine Eltern geschieden waren, haben sie immer dafür gesorgt, dass meine Familie auch meine Familie bleiben darf.

Wie sehen irgendwann wohl die Kisten der Trennungskinder aus, die dieses Glück nicht haben?

Ich würde mich freuen, wenn alle Trennungskinder eine Schublade wie die meine bekämen. Eine Schublade, in die Erinnerungen an alle Vorfahren kommen. Auch wenn es nicht (mehr) die Familie des getrennten Elternteils ist, es wird für immer die Familie des Trennungskindes bleiben. Wie sieht es bei Ihnen aus? Haben Ihre Kinder Kontakt zu beiden familiären Seiten, auch zu der des getrennten Elternteils? Ich würde mich freuen, wenn Sie mir über die familiäre Bindung Ihrer Kinder schreiben. 

Herzliche Grüße,

Susanne vom Stiefmutterblog

 

5 Kommentare
  1. Barbara
    Barbara sagte:

    Meine „Stiefkinder“ (ich mag das Wort ja gar nicht!) haben eigentlich nur den Kontakt zu den Großeltern der mütterlichen Seite. Ist aber auch dadurch entstanden, dass sich die Oma väterlicherseits nur sporadisch um die Kids (als sie 2 – 5 Jahre alt waren) gekümmert hat. Eher nur aufpassen, als was mit ihnen zu unternehmen. Momentan sieht es leider so aus, dass sie (wenn sie Zeit und Lust hat) mit den Kindern was machen will, DIESE aber nicht mehr wollen, bzw. wenn sie das Haus betritt, die Kinder in ihre Zimmer verschwinden. Es ist leider kein Bezug da, die Oma redet halt von ihren Interessen (Golf, etc.) und hört sich die Kommentare der Kids ja kaum an.

    Hin und wieder hat sie dann einen „Rappel“ und versucht auf Teufel komm raus mit den Kids wieder in Verbindung zu treten, aber meiner Ansicht nach ist da der Zug schon längst abgefahren. Gerade nach der Scheidung hätte sie sich meiner Ansicht nach ein wenig mehr bemühen sollen, aber nun wollen die Kinder (13 & 15 Jahre) einfach nichts mehr mit ihr unternehmen.

    Antworten
  2. Stefanie
    Stefanie sagte:

    Meine Kinder (fast 13 und 16 J.) haben nur von einer Seite Großeltern da die Eltern meines Exmannes schon lange vor unserer Heirat verstarben.
    Trotzdem stehen Fotos der Verstorbenen im Regal, ich rede mit den Kindern über sie, im Keller stehen Kistenweise Briefe, Fotos etc. von ihnen da mein Exmann nach dem Auszug vor 9 Jahren alles hier lies.
    Ansonsten habe ich für mich sowohl als auch für meine Kinder „Erinnerungskisten“ in die ich Dinge mache die mir wichtig sind. Bei den Kindern z.B. der Strampler mit dem ich sie aus der Klinik geholt habe, einen Schnuller, die (zerrissene) Lieblingshose, die Anziehsachen die die Uroma strickte, selbst gemalte Bilder, gebasteltete Muttertagsggeschenke und so weiter. Bei mir Liebesbriefe, Eintrittskarten, Postkarten, Fotos aus meinen 20-ern usw. Nicht Unmengen, sondern nur „Schätzchen“ bei denen man – wenn man sie nach Jahren durchschaut – sofort weiß was sie bedeuten und von denen man ein warmes Gefühl im Bauch und feuchte Augen bekommt 🙂

    Antworten
  3. Stephi
    Stephi sagte:

    Der Sohn meines Mannes hat zu beiden Seiten regen Kontakt. Wir fahren fast jedes Mal mit ihm zu seinen Großeltern väterlicherseits und waren auch schon mehrfach gemeinsam bei meiner Schwägerin und ihrer Familie. Der Kleine verbringt auch in den Ferien Zeit bei uns und bei seinen Großeltern. Das klappt, zum Glück, sehr gut.

    Antworten
  4. Julia
    Julia sagte:

    Die Kinder meines Mannes hatten zeitweise nur Kontakt zu ihren Großeltern mütterlicherseits, wenn sie bei uns waren.

    Die KM hatte den Kontakt zu ihren Eltern immer mal wieder abgebrochen und auch den Kindern untersagt, zu Oma und Opa zu gehen, obwohl diese nur wenige Straßen weiter wohnen (wie krank ich das jetzt finde, sage ich mal lieber nicht).

    Daher hatten die Großeltern dann gebeten, die Kinder sehen zu können, wenn die Kids bei uns sind. Somit hatte ich die Ex-Schwiegereltern meines Mannes am Kaffeetisch sitzen.

    Mittlerweile holen sie die Kinder in den Ferien mal einen Tag ab, um mit ihnen in die Berge zu gehen.

    Antworten
  5. M.
    M. sagte:

    Meine beiden Kinder haben Kontakt zu beiden Seiten.
    Meine beiden Stiefkinder leider gar nicht, nur zu der Mutter und die hält das nicht für nötig, die Kinder weiterhin zu ihrer Oma, also der Uroma der Kinder zu begleiten, was die Große sehr schade findet. Aber das liegt ja nicht in unserer Macht. Familie war der Mutter nie wichtig und das müssen die Kinder jetzt spüren.

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert