Vom Podest ins Leben – warum Trennungskinder Grenzen brauchen
Liebe BMs, holt euch etwas zu trinken. Etwas Starkes. Ihr werdet es brauchen.
Heute reden wir über das Podest.
Ihr wisst was ich meine. Dieses unsichtbare, aber allgegenwärtige Konstrukt auf dem die BKs thronen. Errichtet von schuldgeplagten KVs, zementiert von einer Gesellschaft die Trennungskinder reflexartig in Watte packt und poliert von jedem Erwachsenen der zu feige ist, mal Nein zu sagen.
Und ihr? Ihr steht daneben. Mit dem Blick des Zyklopen vor dem 3D-Kino.
Nur dass es kein Kino ist. Es ist eure Wohnung. Und was ihr seht, ist kein Film.
Szenen aus dem Patchwork-Alltag
Fangen wir mit dem Badezimmer an. Weil es immer mit dem Badezimmer anfängt.
Da wäre die BM, die nach dem Umgangswochenende die Toilette betritt und Dinge vorfindet für die es eigentlich einen Warnhinweis bräuchte. Unschöne Hinterlassenschaften nach grösseren Toilettengeschäften. Dinge, die man nicht googeln sollte. Dinge, für die das Wort „unzumutbar“ noch höflich ist.
Dann die BM, die an ihrem eigenen Esstisch alleine isst. Nicht aus Einsamkeit – sondern aus purem Selbstschutz. Die Horde am Tisch erinnert nämlich weniger an eine zivilisierte Mahlzeit, als an ausgehungerte Schweine am Trog. Schmatzen, grabbeln, meckern. Und der KV? Lächelt mild. „Die sind halt lebhaft.“
Lebhaft. Ja.
Weiter geht’s mit der BM, die im BK-Zimmer eine Madenzucht entdeckt. Keine Absicht natürlich. Einfach organisch entstanden. Aus Essensresten, Chaos und der elterlichen Überzeugung, dass Aufräumen die Kinderseele beschädigt.
Den absoluten Höhepunkt jedoch – und hier gebührt ein Sonderapplaus – erreicht jene BM, die vermutlich ins Guinnessbuch der Rekorde eingeht: Ihre pubertären BKs haben sich knappe vier Wochen nicht geduscht. Vier Wochen. Gegen deren Ausdünstungen wirkt jeder Pumakäfig wie eine Fünf-Sterne-Wellnessoase. Der KV? Achselzucken. „Die sind halt in dem Alter.“
Und dann wäre da noch das BK, das den KV so meisterhaft manipuliert, dass Machiavelli vor Neid erblassen würde. Tränen auf Knopfdruck. Strategisches Schweigen. Der gezielte Vergleich mit Mama, die das ja immer erlaubt. Der KV knickt ein. Jedes Mal. Weil er Angst hat. Weil er immer Angst hat.
Guilty Parenting – oder: Die Kunst sich selbst zu bestrafen
Kommen wir zum eigentlichen Problem.
Es hat einen Namen: Guilty Parenting. Auf Deutsch: Erziehen aus schlechtem Gewissen heraus. Oder präziser – gar nicht erziehen, weil das schlechte Gewissen jeden Erziehungsversuch im Keim erstickt.
Das Muster ist immer dasselbe.
Die Trennung passiert. Der KV – oder die KM, aber bleiben wir heute beim KV – fühlt sich schuldig. Schuldig gegenüber dem Kind das nun zwischen zwei Haushalten pendelt. Schuldig weil die heile Familie zerbrochen ist. Schuldig weil er nicht jeden Tag da ist.
Und was macht man mit Schuldgefühlen? Man kompensiert.
Man sagt nicht Nein. Man setzt keine Grenzen. Man räumt nicht auf, wenn das Kind nicht aufräumt. Man lässt es durchgehen, wenn es die neue Partnerin wie Luft behandelt. Man schaut weg, wenn es am Tisch die Manieren eines Ferkels an den Tag legt. Man lächelt entschuldigend und sagt den Satz der jeder BM das Blut in den Adern gefrieren lässt:
„Sind halt Kinder. Da kann man nichts machen.“
Doch. Man kann.
Man nennt es Erziehung.
Aber Erziehung bedeutet Konsequenzen. Konsequenzen bedeuten Tränen. Tränen bedeuten, dass das Kind vielleicht – vielleicht! – für einen Moment sauer ist. Und das, liebe KVs, ist für euch unerträglich. Nicht weil ihr schlechte Eltern seid. Sondern weil ihr Angst habt. Angst, dass das Kind euch nicht mehr mag. Angst, dass es lieber bei Mama bleibt. Angst vor eurer eigenen Unzulänglichkeit.
Und so thront das Kind weiter auf seinem Podest.
Unangetastet. Unkritisiert. Unerzogen.
Und die BM? Die darf die Scherben aufsammeln.
Buchstäblich.
Sie putzt das Badezimmer. Sie isst alleine. Sie entfernt die Madenzucht. Sie öffnet die Fenster – alle Fenster – nach vier Wochen ohne Dusche. Sie setzt Grenzen und wird dafür vom KV mit einem bösen Blick bedacht, als wäre sie das Problem.
Und wenn sie den Mund aufmacht? Dann ist sie die Böse. Die Strenge. Die die Kinder nicht mag.
Dabei ist sie die Einzige, die den Kindern etwas Echtes zutraut.
Das Podest hat einen hohen Preis – und die Kinder zahlen ihn
Jetzt wird es ernst.
Denn so lustig die Pumakäfig-Vergleiche auch sind – die Konsequenzen des Guilty Parentings sind es nicht.
Kinder, die auf dem Podest aufwachsen, verinnerlichen eine gefährliche Erwartungshaltung: Die Welt dreht sich um mich. Meine Bedürfnisse stehen über allem. Konsequenzen gelten für andere, nicht für mich.
Und dann endet das Podest.
Es endet spätestens in der Schule wo der Lehrer keine Schuldgefühle hat. Es endet im ersten Job, wo der Chef nicht einknickt, wenn die Unterlippe zittert. Es endet in der ersten ernsthaften Beziehung, wo der Partner irgendwann die Koffer packt, weil er keine Lust mehr hat der Ersatzelternteil zu sein.
Ich bin überzeugt – und das Forum gibt mir täglich recht – dass viele Trennungskinder im Leben scheitern, weil sie das Podest als Normalzustand verinnerlicht haben. Nicht weil sie böse sind. Nicht weil sie es wollen. Sondern weil niemand ihnen je beigebracht hat, wie das Leben wirklich funktioniert.
Das ist keine Strenge. Das ist Versagen.
Elterliches Versagen verkleidet als Liebe.
Was also tun?
Klare Ansage an den KV: In meiner Wohnung gelten Regeln. Für alle. Ohne Ausnahmen. Auch für die BKs.
Klare Ansage an euch, liebe BMs: Ihr seid nicht die Bösen, wenn ihr Grenzen setzt. Ihr seid nicht herzlos, wenn ihr Konsequenzen einfordert. Ihr tut den Kindern damit etwas Gutes – auch wenn es sich im Moment nicht so anfühlt.
Und klare Ansage an die KVs – falls ihr mitlest:
Euer Kind braucht keinen Freund. Es hat Freunde. Es braucht einen Elternteil. Einen der es liebt, genug um auch mal Nein zu sagen. Einen der ihm beibringt, dass das Leben kein Podest kennt.
Das ist keine Bestrafung. Das ist das grösste Geschenk, das ihr euren Kindern machen könnt.
Vom Podest ins Leben – das ist ein harter Fall.
Macht ihn sanft. Solange ihr noch könnt.
Was meint ihr, liebe Community? Kennt ihr das Podest? Ich bin sicher – ihr habt Geschichten. Immer her damit! Schreibt Eure Erfahrungen in die Kommentare oder diskutiert mit uns im Forum!
Eure Regina



Liebe BMs,
vielen Dank für Euren starken Einsatz (für uns und unsere Kinder) und Eure Bereitschaft im Geschehen – immer wieder – bloss die zweite, dritte (oder zeitweise gar keine) Geige zu spielen. Das ist eine Fähigkeit, die die einzig wahre Größe braucht. Eine Größe die leider immer unsichtbar bleibt und doch die wichtigste ist.
Die KVs die Euch gefunden haben, sollten Euch jeden einzelnen Tag dafür dankbar sein. Und ich bin eigentlich ziemlich sicher, das sind sie auch. Auch dann, wenn sie es Euch – im täglichen Konflikt der Loyalitäten, die so eine Situation mit sich bringt – nicht so offen zeigen, wie ihr es verdient hättet. Stellvertretend für alle KVs möchte ich Euch für Euren stetigen stillen Einsatz danken.
Zu der im Artikel angesprochene Angst der KVs möchte ich aber etwas anmerken. Diese Angst hat leider einen sehr realen Hintergrund. Sie ist nicht bloss die Reaktion eines Weicheis, dass sich nicht traut, ehrlich mal echte erzieherische Verantwortung zu übernehmen.
Konflikte von Eltern, bei der von der Seitenlinie oder auch ganz direkt, weitere Erwachsenen (wie z.B. Stiefväter, Erzieher, Lehrer, Jugendamt oder Richter, …) mit einbezogen sind, in solchen Konflikten gewinnt – aus historischen kulturellen Gründen an denen Astrid Lindgren nicht ganz unschuldig ist 😉 – leider immer wieder die hier kritisierte Grundhaltung gegenüber der erzieherisch eigentlich Sinnvollen. Das ist dann keine bloss solitäre Entscheidung der KVs.
Ich selbst habe in den letzten Jahren sehr vieles versucht, um zu vermeiden, unsere gemeinsame Tochter auf dieses *Podest* zu stellen.
Leider hat mein letzter Versuch sie von diesem *Podest* herunter zu holen – auf das andere sie gestellt haben – nun im Ergebnis, dass ich meine Tochter seit nunmehr 1,5 Jahren nicht mehr zu Gesicht bekomme. Und meine Möglichkeiten da jetzt erzieherisch überhaupt noch tätig zu werden sind jetzt mittlerweile auch sehr begrenzt.
U.A. lässt sich dieses „Podest“ leider auch von KM Seite sehr wirksam nutzen, Dinge durchzusetzen ohne den nervigen Kontakt und Dialog mit dem Expartner suchen zu müssen.
Und andere Male kommt das aber auch nicht direkt von der KM selbst, sondern über die zahlreichen Augenpaare die von der Seite auf uns als Eltern gerichtet sind. Helikoptereltern sind ja ein ganz eigenes Phänomen unserer Zeit, das bei getrennten Eltern noch wirksamer wird. Oft muss nur dann einer der anderen Erwachsenen diesen ganz und gar schädlichen Wettbewerb starten, damit alle anderen mit müssen, und das obwohl doch ziemlich klar sein dürfte, dass es ganz und gar nicht im Sinne unserer Kinder sein kann.
Daher wäre mein demütigster Wunsch – als KV an Euch BMs – hier, dass ihr den Druck für dieses ohne Zweifel falsche Verhalten eher nicht (auch nicht nur sanft) zusätzlich auf dem KV abladet. Auch wenn der KV vielleicht der Einzige ist, der in Eurer Reichweite und damit beeinflussbar scheint.
Man muss mindestens ebenso stark und leider immer wieder von der Gesellschaft einfordern, dass sie endlich mal den richtigen Rahmen dafür schafft, dass sich KVs (und Eltern generell) auch mehr Erziehung zutrauen können und damit genauso das Stehen zu ihren eigenen Bedürnissen – und den mit Ihnen verbandelten Personen.
Wenn das genug Menschen machen – und Betroffenen gibt es heute immer mehr, dann sollte sich – wenn auch langsam – mal etwas zum Guten ändern. Ich glaube, das passiert bereits.
Ich bin aber ziemlich sicher, dass ihr all das (im Grunde Eures Herzens) sowieso schon wisst, mea culpa. Niels
Das Problem kennen wir, beziehungsweise ich, denn mein Mann sieht es bis heute nicht, trotz vieler Gespräche, in denen ich es nur gut meinte. Ich wurde einfach mit „du liebst meine Kinder nicht“ abgestempelt. Heute versteht er nicht, warum seine Kinder so fremd geworden sind. Er hat doch alles richtig gemacht, oder etwa nicht?
Mein Mann hat seine Ex und Kinder verlassen, da waren die noch sehr klein. Sein schlechtes Gewissen war entsprechend gross.
Aus einer Schönwetter-Beziehung kann keine Tiefe wachsen! Das ist in Partnerschaften dasselbe Die Kinder kannten ihn als den Vater, der für sie kochte und mit ihnen witzelte und wie ein Kumpel mit ihnen rumrannte und scherzte, für die Kinder damals natürlich cool, wie ein Gleichaltriger..!!- dem ab und zu mal die Hutschnur platzte, weil es eben irgendwann doch zu weit ging- aber das wars dann auch schon.
Ich wusste natürlich auch nicht so recht, wie sich ein getrennter Vater verhalten sollte, er sieht ja die Kinder so selten… Ausserdem ist es nicht die Pflicht der neuen Freundin, ihn als Vater zu coachen. Das hatte ab und zu die Mutter versucht, indem sie ihm auftrug, wann die Kinder ins Bett sollten. Das lief bis zur Pubertät noch einigermaßen gut, danach liess die Mutter die Kinder die Beziehung zum Vater selber gestalten und somit selber bestimmen, wann sie zum Vater wollten und ob sie zum Vater wollten. Theoretisch ist dagegen nichts einzuwenden. Praktisch sah es so aus:
Sobald die Kinder sich bei ihm meldeten, vergass er, dass er selber ebenfalls Bedürfnisse und einen Alltag, einen Tagesablauf mit Pflichten in seinem Leben hat. Augenblicklich schaltete er auf Ausnahmesituation. Das konnte durch eine sms geschehen, die lautete: „Papi, ich vermisse dich, ich möchte zu dir zu kommen, bin in zwanzig Minuten bei dir“. Dann musste jemand zu Hause sein, um die Kinder in einem frisch geputzten und den Kühlschrank gefüllten Zuhause empfangen. Dem Kind zurück zu schreiben, dass es heute unpassend wäre, wagte er ebenso wenig, wie den Kindern nicht ihr Lieblingsessen zu kochen oder ihnen zu erklären, dass er Plusstunden auf der Arbeit machen wolle, um mit seiner Frau der Wahl in ein verlängertes Wochenende zu fahren. (Die Frau der Wahl sollte es ja nicht geben, um die Kinder nicht zu vergraulen;-)) Eigene Bedürfnisse oder die von mir zählten augenblicklich nicht mehr.
Eine Beziehung kann aber nur wachsen, wenn die eigenen Bedürfnisse auch zählen dürfen und diesbezüglich dem anderen auch mal Grenzen gesetzt werden.
Solange das schlechte Gewissen in ihnen regiert, wollen die Väter nichts ändern.
Wie kommt er da raus?
Mit Mut! Grenzen setzen und lernen, dass er nicht verlassen wird, wenn er sein eigenes Leben lebt.
Aus einer Schönwetter-Beziehung kann keine Tiefe wachsen!
Das bringt es ganz toll auf den Punkt. Danke für das Teilen deiner Erfahrung.