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„Hör auf zu nerven!“

Was Du tun kannst, wenn Deine Stiefkinder anstrengend sind

Verständnis zeigen ist ja schön und gut. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo es Dir reicht. Das Verhalten der Kinder nervt einfach nur. Zappeln am Esstisch, unordentliche Zimmer und geduscht wurde seit mehreren Tagen nicht. Ständig wird genörgelt. Egal wieviel Mühe Du Dir gibst, es gibt immer nur Beschwerden. Das Essen schmeckt nicht, im Schwimmbad ist es langweilig, überhaupt habt ihr angeblich schon lange nichts Spannendes mehr unternommen. Dafür sind die Hausaufgaben ein ständiges Streitthema, das Morgens-in-die-Gänge-kommen oder das Zähneputzen. Die Medienzeit ist zu kurz, bei Mama ist eh alles besser – und “Du hast mir überhaupt nichts zu sagen!”

“Else” ist Schuld

Ganz so weit geht es in den meisten Fällen hoffentlich nicht. Das Genervtsein setzt aber auch schon viel früher ein. Und dann? Was tust Du aktuell? Wahrscheinlich als erstes die Mutter verfluchen. Die hat ihre Kinder überhaupt nicht erzogen. Kein Wunder, dass die sich so aufführen, wenn sie dort alles dürfen. Das würde es bei Dir nicht geben. Aber jetzt hast Du den Salat und sollst eine Suppe auslöffeln, die Du Dir nicht mal selbst eingebrockt hast. Oder doch? Immerhin hast Du Dich für diesen Mann entschieden. Verdammt, der könnte doch eigentlich auch mal was sagen! Tut er aber nicht. Er sitzt einfach nur rum, und vermeidet möglichst jeglichen Stress. Na toll, jetzt bleibt das also auch noch an Dir hängen. Wenn Du Dich nicht um die Erziehung kümmerst, werden das nicht nur kleine Tyrannen sondern in ein paar Jahren richtige A…. Stopp!

Es sind ja schließlich seine Kinder

Dieser Gedankenstrudel hilft Dir überhaupt nicht weiter. Ja, es mag sein, dass der Erziehungsstil der Kindsmutter ein anderer ist als der, den Du gewählt hättest. Und jetzt? Deine Energie darauf zu verwenden, sie zu verfluchen, ist reine Verschwendung, denn es ändert sich dadurch an der Situation, in der Du aktuell steckst, absolut gar nichts. Na gut, aber was ist mit Deinem Partner? Der ist ja schließlich auch noch da. Und das sind ja seine Kinder. Da muss der doch mal etwas unternehmen. Ach ja? Muss er? Kann ja sein, dass Du das denkst. Er sieht das aber anscheinend völlig anders. Und jetzt? Du willst, dass er etwas macht. Ein Machtwort spricht, schimpft oder irgendetwas. Und er tut es nicht. Bums. Sackgasse.

Gegen Windmühlen kämpfen

Natürlich kannst Du weiter versuchen, ihn in den Hintern zu treten. Ist aber auch ziemlich anstrengend. Und wer weiß, ob er sich dann tatsächlich so verhält, wie Du das gerne hättest. Einfacher wäre es da doch, mal zu schauen, was Du – und zwar völlig unabhängig von allen anderen – tun kannst. Der ganze Schlamassel besteht ja nur deswegen, weil andere sich so verhalten, wie Du es nicht möchtest. Also die Kinder etwas tun, was Du nicht willst oder nicht auf Dich hören, wenn Du sagst, dass sie es lassen sollen. Es sind zwar Kinder, aber es sind eben auch eigenständige Menschen mit einem eigenen Willen. Du kannst zwar sagen, was Du gern hättest. Du kannst es sogar nett verpacken mit Bitte und Schleife drum – aber die Kinder können es eben ablehnen. Bums. Pech gehabt. Und jetzt?

Was Du tun kannst

Also gut, schauen wir mal weiter. Was sind Deine Optionen? Wo kannst Du etwas für Dich tun, damit es Dir in dieser nervenaufreibenden Situation besser geht? Fangen wir mal ganz bei den Grundlagen an.  

1. Atmen

Es klingt banal. Aber am guten alten “Durchatmen und bis 10 zählen” ist durchaus etwas dran. Das verschafft nämlich Deinem Gehirn eine kurze “Atem-Pause”. In einer Stresssituation werden wir plötzlich zum Höhlenmenschen, der wir einmal waren. Das Gehirn greift dann auf die Urinstinkte zurück: Totstellen, Angriff oder Flucht. Da unser Gegner – in dem Fall das Kind – auf unser Gehirn nicht besonders furchteinflößend wirkt, ist die natürliche Reaktion Angriff. Nun sind wir so weit sozialisiert, dass wir nicht sofort die Keule schwingen. Wir greifen auf die nächste Stufe zurück, also lautes Gebrüll. Das führt allerdings nicht dazu, dass sich die Situation entspannt, ist daher also nicht zielführend. Stattdessen nutzen wir die kurze Zeit zwischen Reiz und Reaktion zum Einatmen – Ausatmen. Puh. Atmen ist nicht umsonst ein wichtiger Bestandteil von Yoga, Sport und Therapien. So, jetzt kannst Du besser wieder auf die vernünftigen Teile des Gehirns zugreifen und entscheiden, wie Du Dich verhalten willst, statt Dich von Deinem Trieb leiten zu lassen.

2. Wenn schon Brüllen, dann so

Manchmal lässt sich die Wut nicht mehr umlenken. Das Brüllen muss raus. Das ist auch okay und durchaus menschlich. Besser als ein “Du dumme Göre!” ist aber allemal ein “Ich will jetzt meine Ruhe haben!” oder “Ich bin grad verdammt wütend!” Damit lässt Du die Wut raus, bleibst aber bei Dir. Das schont die Beziehung zu Deinem Stiefkind (und auch zu Deinem Partner, sollte es mal vorkommen, dass er dein Wutauslöser ist…) Was brauchst Du? Worum geht es Dir? Was fehlt Dir gerade in diesem Moment? Das schrei heraus.

Natürlich wäre es besser, wenn wir zen-mäßig entspannt durchs Leben gehen. Aber mal ehrlich, das ist ja völlig unrealistisch. Es geht also um die nächstbeste Lösung, die wir schaffen können. Und da ist diese Art zu schreien immer noch besser als Beschuldigungen zu brüllen. Alternativ kannst Du auch Gegenstände anschreien. Und irgendwann schaffst Du es dann vielleicht ganz ohne…

3. Grundbedürfnisse

Wenn unsere grundlegendsten Bedürfnisse nicht erfüllt sind, sind wir viel dünnhäutiger und leichter reizbar. Beim Durchatmen könnte es sich daher lohnen, wenn Du mal kurz in Dich spürst. Hast Du Hunger? Hast Du Durst? Musst Du mal aufs Klo? Bist Du müde? Ist Dir kalt? Vielleicht liegt darin der Grund dafür, dass Dich das Verhalten Deines Stiefkindes ausgerechnet jetzt so nervt. Wie kannst Du schnell für Dich sorgen? Dieser Tipp kann übrigens auch vorbeugend angewendet werden. Bevor Du in eine Diskussion einsteigst, mal eben die eigenen Grundbedürfnisse abklopfen.

4. Snackpause

Es muss ja nicht jedes Mal ein Stück Schokolade für die Nerven sein. Ein Glas Wasser in Ruhe zu trinken kann auch eine beruhigende Wirkung haben. Ich schätze die Abfolge der Handgriffe, wenn ich mir einen Kaffee rauslasse. Milch in die Tasse, kurz in die Mikrowelle, ein Pad rausnehmen, Blinken an der Maschine abwarten, Surren… Andere entspannen sich eher beim Zubereiten von Tee. Wenn die Hände beschäftigt sind, kommt der Kopf zur Ruhe. Und auch überlegen, ob es dem Kind gut tun würde, jetzt eine Snackpause einzulegen. Kakao und Kekse sind Soulfood und tun der Seele gut. Vielleicht könnt ihr sogar währenddessen ruhig über den Konflikt sprechen.

5. Tapetenwechsel

Zu den wichtigsten Bedürfnissen gehören auch frische Luft und Bewegung. Ist es möglich, einmal um den Block zu laufen, bis die Wut verraucht ist? Je nach Alter der Kinder und den anderen Umständen klappt das mit Ankündigung ganz gut. Ist noch eine andere Person da, die die Aufsicht kurzzeitig übernehmen kann? “Ich brauche mal eben fünf Minuten für mich. Ich bin gleich wieder da.” Wichtig: Es geht nicht darum, das Kind zur Strafe wegzuschicken, sondern darum, dass Du den Raum für Dich hast, um wieder runterzukommen.

Vielleicht tut es auch dem Kind gut, sich den Kopf freipusten zu lassen? Dann kann man sagen: “Okay, wir reden später darüber. Jetzt gehen wir erstmal eine Runde rennen!” Jüngere Kinder kommen beim Laufen auf andere Gedanken. Mit älteren kann man vielleicht beim Spazierengehen ein Gespräch beginnen.

6. Loslassen  

Oft sind wir so tief in der Situation drin, dass wir nur die eine Lösung sehen. Das, was wir gerade wollen und für absolut richtig halten. Das Kind soll jetzt sofort gehorchen. Es muss jetzt das machen, was ich sage. Ist das wirklich so? Bin ich wirklich absolut davon überzeugt, dass das die einzige Lösung ist? Manchmal hilft die Perspektive in die Zukunft: Wird es in einem Jahr noch wichtig sein? Oder in 10 Jahren? Und auch die Frage: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Vielleicht stellst Du dann fest, dass Du Dich an Kleinigkeiten extrem aufreibst. Und das Ergebnis total unverhältnismäßig zu der aufgewendeten Energie ist. Vielleicht kannst Du einfach mal Fünfe gerade sein lassen und Dich entspannen. Wer sagt denn, dass das Kind genau jetzt in dieser einen Situation etwas Bestimmtes lernen muss? Die Angst, dass Strukturen sofort einreißen, wenn man einmal inkonsequent ist und etwas durchgehen lässt, ist völlig unbegründet. Viel effektiver ist es, sich authentisch zu zeigen mit dem, was einem selbst wichtig ist.

7. Gefühle und Gedanken unterscheiden

Merkst Du es? Die Wut ist verraucht. Die Anspannung in Deinem Körper, Dein pochendes Herz, der hochrote Kopf, die geballten Fäuste – das ist Vergangenheit. Was aber noch da ist, das ist der Gedanke. Das ist der Unterschied zwischen Gefühlen und Gedanken. Gefühle kommen und gehen, Gedanken aber halten sich hartnäckig, teilweise jahrelang. “So ein unverschämtes Verhalten!”, “Ungezogenes Kind!”, “Das lasse ich mir nicht mehr bieten.”, “Das geht so nicht weiter!”, “Was denkt der sich eigentlich?”, “Das macht der nur um mich zu ärgern.”, “Der ist genau wie seine unmögliche Mutter. Kein Wunder!”

Merkst Du es? Was passiert, wenn Du diese Gedanken liest und wieder denkst? Sie lösen Wut in Dir aus. Das haben Gehirnforscher längst bewiesen: Einem Gefühl geht immer ein Gedanke voraus. Es gibt keinen Automatismus von “Wenn das Kind sich so verhält, werde ich wütend.” Ist das nicht eine tolle Nachricht?! Du bist nicht machtlos dem Verhalten anderer ausgeliefert. Stattdessen kannst Du aktiv Deine Gedanken beeinflussen.

Es sind nur Gedanken und Du hast die Wahl, wie Du mit ihnen umgehst. Willst Du weiter durch den Filter “Ungezogenes Kind!” schauen? Dann wird Dir Dein Gehirn ständig die Bestätigung dafür liefern, dass Deine Vorurteile stimmen. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Deine Haltung kommt natürlich auch beim Kind an. Das führt nicht gerade dazu, dass euer Verhältnis sich verbessert.

Was steckt dahinter?

Viel zielführender ist es für Dich, hinter Deine Wut zu gucken. Worum geht es Dir wirklich? Warum regt Dich ein bestimmtes Verhalten so auf? Menschen sind unterschiedlich und werden von anderen Dingen getriggert. Manche nervt vor allem Unordnung, andere Lärm, wieder andere springen auf bestimmte Phrasen und Äußerungen an. Um herauszufinden, was Du brauchst, kannst Du Dich fragen: Was würde sich für mich erfüllen, wenn es anders wäre? Je nach Situation vielleicht Ruhe, Rücksichtnahme oder Unterstützung. Wenn Du das für Dich selbst herausfindest, kannst Du Dich damit verbinden. Dafür sorgen, dass Du das bekommst, was Dir momentan fehlt.

Sorge für Dich

Du hast herausgefunden, was Dir fehlt? Super, das ist der erste Schritt, es auch zu bekommen. Sprich es aus! Wenn Du Deine Bedürfnisse nicht ernst nimmst, tun andere es auch nicht. Dann überlege Dir verschiedene Strategien, die Dir gut tun würden. Wie erfüllt sich für Dich “Ruhe”? Kaffee trinken, in die Sauna gehen, lesen, ein Bad nehmen, Spaziergang im Wald, Musik hören, Film gucken… Du siehst, es gibt viel mehr Möglichkeiten als “Das Kind ist still – und ich habe meine Ruhe.” Jetzt hast Du das Steuer wieder in der Hand und kannst Deinen Akku aufladen. Unabhängig vom Verhalten der anderen. Das hilft Dir langfristig, in der nächsten Konfliktsituation nicht so schnell an die Decke zu gehen. Und das wiederum hat eine positive Wirkung auf die Atmosphäre und für alle Familienmitglieder.

Meine Einladung an Dich

Diese Veränderung musst Du nicht allein schaffen. Es ist völlig legitim, sich Unterstützung zu holen. Lass uns telefonieren und schauen, wie ich Dir helfen kann. Ein erster Schritt zu mehr Gelassenheit kann auch das Arbeitsblatt “Mein Glas der Selbstfürsorge” sein. Du bekommst es bei der Newsletteranmeldung auf meinem Blog. Wenn Du Dir mehr Austausch und Input zum Thema “Entspannt Stiefmutter sein” wünschst, komm in meine Facebook-Gruppe.

 

Marita Strubelt ist Mutter, Stiefmutter und Familiencoach. Sie ist den Weg gegangen: Als kinderlose Stiefmutter hin zu einer Patchworkmama mit “zwei Bauchtöchtern und einem Bonussohn”. ​​Als Coach und mit ihrem Blog „Patchwork auf Augenhöhe“ leistet Marita einen wertvollen Beitrag für ein harmonisches, friedvolles Familienleben.

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