Die neue Familie
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Eine verstorbene Mutter wirft lange Schatten

Die verstorbene Mutter. Foto: stocksnap, Neil Thomas

 Es gibt Momente, da wird einer Stiefmutter auf sehr schmerzhafte Weise bewusst, was die Außenwelt über ihre Funktion denkt. Sybille hat das gerade erfahren. Sie ist seit vier Jahren Vollzeit-Stiefmutter. Die Mutter ihrer Bonuskinder ist verstorben, sie war eine gute Freundin. Die Beziehung zum Witwer, ihrem jetzigen Mann, begann ein halbes Jahr nach dem Tod der Freundin. Trotzdem viel zu früh, urteilt das Umfeld. Die verstorbene Mutter und die Trauer der Familie ist immer noch für viele Außenstehende das vorherrschende Thema. Wie die Stiefmutter ihre Situation managt, wie sie die Kinder tröstet und auffängt, wie sie versucht ihren neuen, eigenen Platz in der Familie zu finden, interessiert nur wenige.

Eine verstorbene Mutter wirft lange Schatten

 „Wir bereiten die Konfirmation von meinem ältesten Bonuskind vor. Die Einladungen sind geschrieben, an  seine Familie, an die Familie seiner verstorbenen Frau und an meine Familie. Der Pastor war auch schon da. Der gleiche Pastor, der die verstorbene Frau meines Mannes damals beerdigt hat. Es war ein gutes Gespräch. Für meinen Mann und die Kinder“, schrieb Sybille.

Der Pastor stellte viele Fragen. „Wie geht es den Kindern nach dem Verlust der Mutter? Wie erging es meinem Mann bei der Arbeit und allgemein in den letzten Jahren? Wie kommen sie alle mit dem Verlust klar? Wie trauern sie? Eben alle Fragen, die sich nach dem Tod einer Mutter an den Witwer und die Halbwaisen so stellen. Wie es mir, der Stiefmutter, mit der für mich ja ebenfalls neu entstandenen Situation geht, interessiert nicht. Sybille darf Tee machen, Sybille darf sich um die Kinder kümmern, Sybille darf daneben sitzen. Aber ER, der Pastor fragt nicht, wie es mir geht.“

Sybille hat den Pastor drauf angesprochen. Er wurde rot, meint sie. „Wahrscheinlich war ihm die Situation unangenehm. War aber typisch. So habe ich es schon häufig erlebt. Stiefmutter macht und tut, aber wie es ihr damit geht, interessiert nicht.“ Sybilles Befürchtung ist, dass am Tag der Konfirmation immer wieder die verstorbene Mutter zum Thema wird. „Das ist sicherlich auch angebracht, aber ständig halte ich das, glaube ich, nicht aus. Davor haben mein Mann und ich Angst. Ich befürchte, dass es ein Up and Down der Gefühle geben wird.“

Würde die verstorbene Mutter nicht wollen, dass es allen gut geht?

„Ich habe schon sehr oft geschluckt und nichts gesagt. Aber jetzt nach vier Jahren mache ich meinen Mund auf und sage wie es mir geht. Hinterher geht’s mir dann meist besser. Aber es ist eine emotionale Berg- und Talfahrt.  Nun ist mein ältestes Bonuskind auch nicht einfach. Sie agiert oft gegen mich und wird auch am Tage der Konfirmation auf die Mitleidstour machen und mir die Schuld am Elend geben. Vor Publikum, also vor den ganzen Verwandten, macht sie das besonders gern. Ich würde mir wünschen, dass mal jemand zu ihr sagt, dass sie doch sehr viel Glück gehabt hat, dass ich jetzt für sie da sei und sie nicht ganz allein wäre. Aber alle bestärken sie nur. Einfach wird das bei der Konfirmation nicht.“

Sybille hat durchaus Verständnis für die Familie. „Es ist natürlich für die Familie, die Geschwister und die Eltern, schwer, ich verstehe das gut. Aber es verletzt mich. Es wird oft gesagt, etwas, was ich tue, sei ja sicherlich im Sinne von … Oder es sei sicherlich nicht im Sinne von … Dann schreit es in mir: und was ist mit mir? Bin ich denn nur ein verlängerter Arm, der alles so machen muss, wie sie? Ich bin doch eine eigenständige Person. Die verstorbene Mutter war ja meine Freundin, erst nach ihrem Tod habe ich meinen Mann als Mann gesehen. Ich trauere auch. Und trotzdem sorge ich dafür, dass es allen gut geht.“

Ich höre tatsächlich häufig derartige Geschichten. Wenn es einen tragischen Vorfall in einer Patchwork Familie gab, Tod des Vaters oder Tod der Mutter, bekommen alle Seiten Zuspruch- außer dem Stiefelternteil. Es scheint, als ob ein Stiefelternteil eine Art Hausangestellte sei, der sich zwar um das Wohl der anderen kümmert, emotional aber nicht dazugehört. Warum ist das so? Gönnen die Angehörigen der Verstorbenen den Kindern und dem Ex-Schwiegersohn nicht das neue Glück? Die Mutter wird ja nicht wieder lebendig dadurch, dass man die Stiefmutter schlecht macht. Wäre es nicht viel besser für alle, wenn sie die „Neue Mutter“ mit einbezögen? Sie fängt eine Familie auf und lebt in dieser Familie. Sie sorgt mit dafür, dass alles läuft. Sollte man ihr nicht danken, statt sie in die Ecke zu stellen?

Ich bin mir sicher: Auch die verstorbene Frau deines Mannes hätte gewollt, dass die Kinder wieder glücklich werden. Dass sie von einer neuen Frau, zudem diese eine Freundin war, Liebe bekommen und Zuneigung. Es fällt meist nur anderen so schwer, dass zu sehen und sich darüber zu freuen.

Susanne

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Foto: stocksnap, Neil Thomas

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