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Kinderlos = ahnungslos? Von der Frage nach leiblichen Kindern

Kinderlos. Foto: Stocksnap, Alberto Restifo

Zack, Bong, Bang! Da ist sie. Die Frage aller Fragen. Gerne leicht schnippisch vorgebracht, oder mit erhobenen Augenbrauen. „Hast Du eigene Kinder?“ Alternativ auch „Du hast keine leiblichen Kinder, oder?“ Was ist Sinn und Zweck dieser Frage? Bedeutet kinderlos = ahnungslos? Einmal ganz davon abgesehen, dass ein eigenes Kind einen nicht befähigt über alle anderen Kinder dieser Welt Bescheid zu wissen – ab wann hat man eigentlich Ahnung von Kindern?

Kinderlos = ahnungslos?

Daniela vom Blog Keep Cool Mama bat mich an ihrer Blogparade „Die Geschichte von deiner größten Herausforderung als Mutter“ teilzunehmen. Hmm, dachte ich mir zunächst. Bin ich da die richtige Ansprechpartnerin? Ich habe keine leiblichen Kinder. Ich habe drei Stiefkinder und zwei Hundekinder. Beides zählt nicht in der Mütterwelt, soviel ist mir klar. Aber ein Satz in Danielas Mail traf einen Nerv bei mir. „Liebe Susanne, unbedingt soll deine Geschichte Mut machen, Herausforderungen anzunehmen.“ Hey, das kann ich gut. Herausforderungen annehmen, mich ihnen stellen und das beste daraus machen, darin bin ich geradezu Meisterin. Also, heute gebe ich Euch einmal einen intimeren Einblick in mein Leben. Mein Beitrag zur Blogparade: Mütter und ihre größte Herausforderung:

Die Geschichte einer Nicht-Mutter

Meine Geschichte beginnt, als ich selbst noch ein ganz kleiner Krümel war. Ich kam mit einem Blutschwamm am Bauch zur Welt. Nichts Besonderes, kommt häufig vor. Leider gehörte ich zu den 10% der Babys, bei denen das Ding anfing zu wachsen. Wir schrieben die 60er Jahre, damals waren Bestrahlungen das Nonplusultra für alles. Die Ärzte erklärten meinen Eltern, dass mein ganzer Körper von dem Ding überwuchert würde, wenn sie nicht bestrahlten. Ein gewisses Risiko wäre allerdings, dass meine Eierstöcke später nur leere Hüllen produzieren. Nun denn, ich hätte genauso entschieden wie meine Eltern. Das Ding bildete sich nach den Bestrahlungen zurück und heute habe ich nur noch einen fingernagelgroßen Flecken am Bauchnabel.

Natürlich erinnere ich mich nicht an diese Zeit, aber als ich später in die Pubertät kam, erzählten mir meine Eltern ab und an von dem Blutschwamm und erwähnten auch, dass es möglich sei, dass ich keine Kinder bekommen könne. Vielleicht war ich durch diese frühe Warnung abgeschreckt, mir überhaupt ein Kind zu wünschen, vielleicht liegt der Kinderwunsch auch einfach nicht in meiner Natur. Jedenfalls stieß ich nie Entzückensschreie aus, wenn ich Kinderwagen sah und ich hatte auch nie diesen ganz tief sitzenden Wunsch nach Kindern in mir, den ich bei vielen Freundinnen miterlebte. Ich war eher die Vertreterin der Fraktion die sagte: Wenn es passiert, ist es gut, wenn nicht, dann ist es auch gut.

Es passierte halt nicht. Von all meinen Freundinnen blieb ich die Einzige, die niemals abtrieb und niemals ein Kind bekam. Ich wurde nie schwanger. Keine Panik: Das war absolut ok für mich. Ich habe mich aber um Kinder von Freundinnen gekümmert, Patenschaften übernommen und lernte ab einem gewissen Alter auch Männer mit Kind kennen. Ein paar Jahre fehlen, aber insgesamt habe ich auf diese Art, also als Schatten-Mama, Kinder von wenigen Monaten bis zum Abitur begleitet. Die erste Trotzphase habe ich bei keinem Kind mitgemacht (Glück gehabt) 😉 dafür drei Pubertäten 🙁 . Es war weder für die Männer, noch für die Kinder jemals ein wichtiges Thema, ob ich eigene, also leibliche, Kinder hatte.

Die Frage nach Kindern – Warum wird sie gestellt?

Thema wurde das nur, wenn ich mit Müttern sprach. Wenn ich zum Beispiel etwas sagte, was einer Mutter nicht gefiel, oder ich etwas anders sah als sie.  Als ich erwähnte, dass ich mein Stiefkind (damals im Wechselmodell lebend) mit einigen Freundinnen in ein Landschulheim fahren würde, wo sie selbst kochen und putzen müsste, zum Beispiel. Anschließend wurde ich gefragt, ob ich denn ein eigenes Kind auch so – stiefmütterlich – behandeln würde. Nun, ich denke schon, aber ich werde es natürlich nie wissen. Auf einer Party, bei der ich sagte, dass ich es nicht richtig fände, dass die 11-13 jährigen Kinder unserer Gäste an den Kühlschrank gingen, um sich dort ein Bier zu holen, wurde mir erwidert, ich hätte ja keine eigenen Kinder, ich könne also nicht ahnen, wie schwierig es sei, so etwas zu verbieten. Auch die Frage, ob ein Mädchen mit knapp 13 bei seinem Freund übernachten solle, war mir nicht vergönnt beurteilen zu dürfen. Schließlich hatte ich keine leiblichen Kinder.

Himmerlherrgottkruzifixamol! Völlig richtig, ich habe keine Ahnung, wie es ist, ein Kind in sich wachsen zu spüren und zur Welt zu bringen. Die Beziehung jeder Mutter zu ihrem eigenen Kind ist mit Sicherheit etwas ganz besonderes. Großartig und absolut speziell. Aber das gilt für dieses eine Kind und diese eine Mutter, nicht universell für alle Kinder dieser Welt. Braucht eine Lehrerin oder Erzieherin eigene Kinder, um ihren Job gut zu machen? Muss ein Onkologe selbst Krebs haben, um einem Kranken etwas verschreiben zu dürfen? Muss ein Rechtsanwalt selbst im Knast gewesen sein, um seine Mandanten adäquat verteidigen zu können? Muss ein Fotograf schön sein, um die Optik eines Models beurteilen zu können? Nein, oder?

Mich haben diese Bemerkungen oft verletzt. Eine Stiefmutter darf für ein Kind da sein, sie darf sich kümmern, trösten, Hausaufgaben machen, kaputte Knie pusten, aufpassen, kochenputzenwaschenbügeln sowieso. Gleichzeitig wird ihr jegliche Kompetenz in puncto Kinder abgesprochen, nur weil sie nie in den Wehen gelegen hat?

Der Tag, der vieles änderte

Mein Schlüsselerlebnis war dann ein Skiurlaub mit Stieftochter und drei ihrer Freundinnen sowie deren Vätern bzw. Müttern (alle Kinder hatten getrennte Eltern). Die Mädels waren zwischen 8 und 12 Jahren alt, ein wilder Haufen, sehr unterschiedlich entwickelt. Eines Tages regnete es in Strömen, der Vormittag war bereits mit Mensch-ärgere-dich-nicht gefüllt, es herrschte Langeweile (damals gab es kein W-Lan in Skihütten). Irgendwie kam das Gespräch der Mädchen auf Sex.

Hui. Alle spitzten die Ohren. Es ging giggelnderweise um Kondome. Ich fragte, ob sie denn schon einmal ein Kondom gesehen hätten. Logo…. alles alte Hasen, die vier Grazien dort auf dem Sofa 😉 „Wisst ihr denn auch, wie man das richtig benutzt?“ fragte ich. Schwupps, war der erste Vater aus dem Zimmer verschwunden. Die Mädels drucksten rum. Ich erzählte von meinem ersten Freund, meinem ersten Kondom und den Schwierigkeiten, die wir damals mit den Dingern hatten. Alle lachten, wollten mehr hören. Ich schaute mich um und stellte fest, dass ich mittlerweile die einzige Erwachsene im Raum war. Im Türrahmen stand noch eine Mutter, jedenfalls sah ich einen Schuh von ihr.

Ich denke, für die Mädchen (vielleicht auch die Eltern) war es ein Nachmittag, den wir nicht vergessen werden. Kondome gab es hinterher in der Skihütte keines mehr. Wir haben geübt. In allen erdenklichen Variationen, mit insgesamt sieben Bananen. Es ging darum zu sagen: „Ich will nicht!“ oder: „Ich möchte, dass du ein Kondom benutzt“. Aber wir haben uns auch darüber unterhalten, was englisch, französisch, spanisch, griechisch oder japanisch bedeuten. Ich war erstaunt, was sie alles schon aufgeschnappt hatten. Die Mädels wollten alles auf dem Sofa nachstellen. Jede lag mal unten, mal oben, alle giggerten, hatten Spaß und lernten dabei spielerisch „Erstes Mal“ und „Grenzen setzen“. Ab und zu schaute ich zur Tür, und vergewisserte mich, dass es den Eltern recht war, was ich machte. Ein kleines Nicken einer, hinter dem Rahmen versteckten, Mutter oder eines Vaters, dann ging es weiter. Die Mädels waren Feuer und Flamme. Und die Eltern, wie sie mir hinterher gestanden, auch.

An diesem Abend hat sich keine Mutter beschwert, dass ich kinderlos bin. Im Gegenteil, es war vorteilhaft, kein leiblicher Elternteil zu sein. Vor mir hat sich keines der Kinder geschämt. Sex in Verbindung mit Eltern ist für Teenager oft tabu, oder eklig. Sex von mir erklärt zu bekommen war für die Mädels nicht nur ok, sogar hochgradig interessant. Einige Jahre später kam eines der Mädchen bei einer Feier zu mir und meinte, sie hätte bei ihrem ersten Sex an unsere „Übungen“ gedacht. Und es wäre ihr ganz leicht gefallen, nein zu sagen und später dann um ein Kondom zu bitten.

Mütter wollen vertrauen können

Wir haben abends, als die Mädels träumend im Bett lagen, lange geredet.  Mir ist an diesem Tag klar geworden, wie stark Eltern sein mit Vertrauen zusammen hängt. Hat eine andere Frau selbst ein Kind bekommen, traut eine Mutter ihr instinktiv eher zu, dass sie das Richtige tun wird. Hat sie keine eigenen Kinder, ist man misstrauischer. Das hat oft gar nicht so viel mit der Kompetenz der Frau selbst zu tun, vielleicht mehr mit der gemeinsamen Erfahrung des Gebärens. Eine Frau ohne leibliche Kinder muss sich dieses Vertrauen „erarbeiten“. Mein „Sexualkundeunterricht der etwas anderen Art“ hat sich einfach entwickelt. Die Mütter merkten, dass ihre Kinder mir vertrauten und Dinge fragten, über die sie mit ihnen noch nie gesprochen hatten. Das wiederum stärkte das Vertrauen der Mütter in mich.

Ich nehme keiner Mutter übel, wenn sie mich fragt: „Hast Du eigene Kinder?“ Für mich ist es aber nicht nötig eine leibliche Mutter zu sein, um ein Kind zu sehen, wie es ist, oder um Kinder generell zu verstehen. Natürlich weiß ich nicht, ob das nicht noch besser klappen würde, hätte ich selbst welche. Aber so ist es nun mal. Statt einer Stiefmutter vorzuhalten, dass sie (noch) keine eigenen Kinder hat, könnten Mütter ihr vielleicht helfen, mit den Kindern umzugehen, die bereits da sind. Machen wir Frauen uns das Leben doch nicht selbst schwer, vertrauen wir einander. Es funktioniert. Man muss es nur wollen.

Mich würden Eure Erfahrungen mit der Frage „Hast Du eigene Kinder“ interessieren. Wird sie Euch gestellt? Stellt Ihr sie vielleicht selbst? Wenn ja, warum eigentlich?

Susanne

P.S. Nur mal so. Ich kenne Stiefmütter, die leiden sehr darunter, kinderlos zu sein. Entweder, weil sie kein Kind bekommen können oder weil der Mann keine weiteren Kinder mehr will. Sie sind sehr empfindlich, was das Thema leibliche Kinder angeht. Für sie ist diese Frage jedes Mal ein echter, tiefer Schmerz.


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Foto: Stocksnap, Alberto Restifo

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