Negative Gefühle gegenüber dem Stiefkind

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Dieses Thema enthält 8 Antworten und 3 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Daka vor 3 Tagen, 12 Stunden.

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  • #8580

    PracticalMagic
    Teilnehmer

    Hallo zusammen,

    ich habe schon vor einigen Monaten diesem Blog entdeckt. Leider traue ich mich erst jetzt zu schreiben.

    Immer wieder zweifle ich an mir selber und stelle mich selber in Frage. Ich habe das Gefühl eine böse Stiefmutter zu sein, weil ich immer wieder negative Gefühle meinem Stiefsohn (12) gegenüber habe. So böse es auch klingt: Ich hasse diesen Rotzlöffel. 🙁

    Er benimmt sich unmöglich, klebt wie eine Klette an seinem Vater und von Selbständigkeit keine Spur. Die Schule ist piepegal und Noten sind vollkommen überbewertet. Schon in ganz jungen Jahren wurde in der Schule der Fehler begangen ihn in die nächste Klasse mitzuschleifen, obwohl er in Mathe so schlecht war / ist, dass er nicht benotet wurde. Damit hat er gelernt, dass er mit null Bock und Faulheit weiter kommt. Alles bekommt den Zusatz „Scheiß“ oder „Dreck“. Sind wir z.B. bei meinen Eltern eingeladen, kommt nach einer halben Stunde die Frage wann wir endlich wieder gehen. Und dann wird so lange Theater gemacht bis wir gehen. Alles muss sich um dieses unerzogene Kind drehen. Er weiß genau wie er seinen Vater auch weich kocht. Das Kind hat so viele Schlechtigkeiten, dass ich hier Romane schreiben könnte.

    Der Junge wohnt jetzt seit fast einem Jahr bei uns, weil die KM es rausgeschmissen hat. Entweder mein Lebensgefährte nimmt ihn oder er kommt ins Heim. Seit dem steht mein Leben auf dem Kopf. Ständig ärgere ich mich über das Kind. Und spreche ich das bei meinem Lebensgefährten an, wird immer abgewiegelt. Ich solle doch Verständnis für den Jungen haben. Sorry, ich habe kein Verständnis für 11 Jahre ungezogen sein. Ständig kommen respektlose Sprüche, seiner Oma gegenüber kommen in einer Tour unverschämte Anzüglichkeiten und jeder muss sich von dem Gör auf der Nase rumtanzen lassen. Trotz einer total behämmerten Mutter, die in meinen Augen nicht alle Tassen im Schrank hat, hätten mein Lebensgefährte und seine Eltern versuchen können ihn zu erziehen. Aber leider war immer: „Lass doch den Jungen, der hat es so schwer mit seiner Mutter.“ an der Tagesordnung. Und ich putze fröhlich hinter dem Rotzlöffel her und nach ner halben Stunde sieht z.B. das Bad wieder aus wie Sau und der Spiegel ist spätestens am nächsten Tag mit Zahnpasta verschmiert.
    So langsam bin ich echt mit meinem Latein am Ende und meine Kraft schwindet auch immer mehr. Ich weiß nicht wie ich dem Kind Herr werden soll. Manchmal würde ich gerne den Kerl einfach anbrüllen und schütteln.

    Oft wünsche ich mir, dass der Junge bei seiner Mutter geblieben wäre. Mir fällt es sehr schwer seine Gegenwart zu ertragen.

    Ich fühle mich total schlecht mit der Wut auf dieses Kind, aber ich kann oft nicht aus meiner Haut. Meistens bemühe ich mich eine gute Stiefmutter zu sein. Es gelingt nicht immer. Neulich habe ich meinem Partner auch gesagt, dass ich das Kind einfach nicht lieben kann. Da wurde ich mit großen Augen angeschaut.

    Hat jemand eine Idee, wie ich ich diese ständige Wut auf das Kind los werden kann?

    Ich freue mich auf eure Antworten.

  • #8590

    Daka
    Teilnehmer

    Liebe PracticalMagic,

    als erstes mal möchte ich dir sagen, es ist okay, dass du diese Gefühle hast. Niemand kann dich zwingen dieses Kind zu lieben und bei allem was vorgefallen ist, ist es vermutlich auch schwer dies zu tun… ich meine offensichtlich ist er ja „so unmöglich“ dass selbst seine eigene Mutter ihn rausgeschmissen hat. Oder mit welchem Grund hat die Mutter ihn rausgeschmissen und vor allem wie wurde dem Jungen das kommuniziert?

    Um diese Wut loszuwerden oder besser damit klar zu kommen, solltest du dir bewusst machen, dass der Junge in erster Linie nichts dafür kann, sondern das Ergebnis der Erziehung durch seine Eltern ist… und offensichtlich ist da sehr vieles schief gelaufen. Dem Jungen wurde bisher folgendes vermittelt, „er ist nicht gut so wie er ist und weil er so schlecht ist muss er zum Vater oder ins Heim“. Und bei Papa und Großeltern ist er „der arme Junge“ dem man das Leben doch nicht noch schwerer machen muss… Das hat ein bisschen was mit selbsterfüllender Prophezeiung zu tun…immer wieder wird dem Jungen direkt oder indirekt vermittelt, dass er schlecht ist, dass er gar nicht mehr versucht gut zu sein, weil ja sowieso alle denken er sei schlecht. Im Prinzip müsst ihr versuchen aus diesem Muster irgendwie rauszukommen.

    Ich lese raus, dass du zwar einerseits schreibst, den Jungen zu „hassen“, aber gleichzeitig doch eigentlich einen Weg suchst um ihm zu helfen und damit natürlich auch dir selbst bzw. euch als Familie zu helfen. Wäre es eine Möglichkeit, dass ihr euch externe Hilfe wie z.B. eine Familienberatung sucht? Die Caritas bietet sowas z.B. an. Ich meine, es ist ja auch schon ein ganz schöner Einschnitt, wenn die Mutter einen mit 11 Jahren zu Hause raus schmeißt, das muss auch erstmal verarbeitet werden. Ich denke der Junge hat jede Menge Probleme über die er gerne sprechen möchte, aber keiner hört ihm zu. Hier wäre das aktive Zuhören nach Gordon eine theoretische Möglichkeit Zugang zu ihm zu bekommen. Ich denke nämlich, wenn er sich gehört und angenommen fühlt, kann und wir er auch lernen sein Verhalten zu ändern. Wenn du Interesse daran hast, kann ich dir das Buch „Familienkonferenz“ von Thomas Gordon empfehlen. Ich habe dazu sogar einen Kurs gemacht, den gibt es aber nicht überall. Fand ich jedenfalls sehr hilfreich und hilft mir auch in der Kommunikation mit meiner Tochter und auch meinem BK.

    Mich interessiert noch, wie denn dein Mann mit ihm umgeht. Unterstützt er die Unselbständigkeit und nimmt ihm alles ab? Vielleicht könnt ihr gemeinsam einen Plan aufstellen, was er an Aufgaben übernimmt damit sich alle beteiligen? Und wenn der Spiegel schmutzig gemacht wird, dann wird er mit einem Lappen eben wieder sauber geputzt… Das muss man dann entsprechend kommunizieren…ala „Ich sehe, dass am Spiegel Zahnpasta klebt…ich habe den Spiegel gestern erst geputzt. Ich ärgere mich (es macht mich wütend), dass er schon wieder dreckig ist. Ich möchte dir zeigen, wie man den Spiegel putzt, dann kannst du ihn, wenn er versehentlich dreckig wird, alleine wieder sauber putzen“. Wichtig ist, Verallgemeinerungen wie „Immer machst du den Spiegel dreckig“ zu vermeiden und bei den sogenannten „Ich-Botschaften“ zu bleiben…

    Ich drücke die Daumen, dass ihr einen Weg findet, ich denke externe Hilfe könnte jedenfalls in eurem Fall gut helfen…

    Ich hoffe das hilft dir ein bisschen,
    Liebe Grüße,
    Daka.

  • #8594

    Pumpkin
    Teilnehmer

    Liebe PracticalMagic,

    in dieser Situation interessiert mich, wie eigentlich die Aufgabenverteilung im Haushalt zwischen dir und deinem Partner geregelt ist. Du beschwerst dich, dass dein Partner sehr nachsichtig ist, z.B. beim Dreck auf dem Spiegel. Es ist sehr leicht, nachsichtig zu sein, wenn man nicht selbst putzt. Ich würde versuchen, gerne mit viel Nachdruck, folgende Grundregel zu etablieren: Was der Kleine verbockt (verschüttet, beschmiert, oder Probleme macht mit anderen Kindern etc.), muss sein Vater berichtigen. Solange nämlich du das Hinterherputzen erledigst, spürt er nicht am eigenen Leib, wie mühsam die Auswirkungen der „oh das arme Kind“-Mentalität sind. Dir hingegen können sie eher egal sein. Was hältst du davon?

    Und ich möchte auch noch einmal betonen, was Daka schon gesagt hat: Deine Gefühle sind in Ordnung. Sie mögen weder angenehm noch hilfreich sein, aber sie haben durchaus ihre Berechtigung. Sie sich wegzuwünschen hat wahrscheinlich eher einen negativen Effekt. Natürlich freut sich dein Partner nicht darüber, aber da muss er durch. Du must den Kleinen nicht mögen, nicht bemitleiden, nicht einmal leiden können – nur respektvoll und fair behandeln.

    Alles Gute,
    Pumpkin

  • #8597

    PracticalMagic
    Teilnehmer

    Hallo Daka, hallo Pumpkin,

    vielen lieben Dank für Eure Antworten und Eure lieben Worte. Sie geben mir sehr viel Auftrieb. Auch die Buchempfehlung werde ich im Hinterkopf behalten.

    Momentan fällt es mir echt schwer nicht auszuflippen. Manchmal habe ich echt das Gefühl die einzig Normale in diesem Irrenhaus zu sein. Mein Lebensgefährte fördert oft unbewusst / ungewollt das schlechte Benehmen seines Sohnes. Spiegel wieder einsauen ist nicht schlimm, Faulheit in der Schule hat keine Konsequenzen, dumme Sprüche am laufenden Band. Von meinem Freund kriege ich recht wenig Unterstützung (ist aber zwischenzeitlich besser geworden) und der Junior wird verhätschelt, aber ich werde versuchen meinem Freund mehr darauf aufmerksam zu machen, dass er für die Erziehung jetzt zuständig ist. Er ist kein Kumpel sondern der Vater.

    Daka, du wolltest wissen wie es kam, dass der Junior bei uns eingezogen ist. Es lag sicher auch seinem Verhalten, aber im Wesentlichen lag es an der Mutter. Die Frau hat echt einen Schuss. Sie kauft sich alles, auch die Liebe ihrer Kinder. Aber sie lieben sie nicht. Sie werden nur materialistisch. Zuhause bei denen herrscht Ton wie auf dem Kasernenhof. Da hat der Junge so lange Theater gemacht bis sie ihn rausgeschmissen hat.

    Ich hoffe, dass ich mich mit dem Kind irgendwie wieder vertrage und dass meine bösen Gefühle dem Kind gegenüber besser werden. Nur irgendwie nervt er mich aktuell immer mehr. Die beginnende Pubertät ist da sicher auch nicht ganz unschuldig. Im Grunde weiß ich, dass das Kind nichts dafür kann, aber immer den klaren Blick dafür zu behalten, ist echt schwer.

    Magische Grüße
    S.

  • #8600

    Daka
    Teilnehmer

    Mir ist noch eingefallen, manchmal sind gewisse Dinge einfach Ansichtssache…vielleicht ist es tatsächlich so, dass auch deinen Mann ein dreckiger Spiegel nicht stört und er deshalb zu seinem Sohn sagt „ist nicht so schlimm“. Dich stört das aber sehr wohl und daher solltest du das auch so kommunizieren. Dir ist Sauberkeit im Bad wichtig und auch wenn die anderen das nicht so sehen, sollten sie da entsprechen Rücksicht nehmen… auch dein Mann, indem er z.B. sagt, XY hat gestern den Spiegel geputzt und ihr ist es wichtig, dass dies auch so bleibt… anstatt ist doch nicht so schlimm. Er könnte auch sagen, „Ich finde es nicht so schlimm wenn der Spiegel dreckig ist, aber XY mag es lieber sauber im Bad. Ich finde wir sollten sie darin unterstützen und machen daher jetzt den Spiegel wieder sauber“.

    Ja, die nahende Pubertät macht es bestimmt nicht einfacher… vielleicht kannst du ja mal was schönes mit ihm unternehmen, nur zu zweit? Damit ihr euch ein wenig annähern könnt? Gibt es etwas dass ihm wirklich Spaß macht was du mit ihm machen könntest? Vielleicht redet er dann ja auch mal ein bisschen… und vielleicht fällt es dir leichter in einer „Nicht-Alltag“-Situation ihn als das Kind zu sehen was er noch ist und nicht als den „Störenfried“ der immer nur Ärger macht…

    LG Daka.

  • #8612

    PracticalMagic
    Teilnehmer

    Mit der Ansichtssache hast du aber Recht. Das habe ich schon mal angesprochen. Muss ich wohl nochmal tun.

    Gemeinsame Unternehmungen machen Junior und ich schon. Auch ohne Papa. Das kriegen wir auch erstaunlich gut hin. Im Sommer waren wir gemeinsam essen und er war total brav und redselig. Aber vor ein paar Wochen waren wir im Kino (ein Film den er unbedingt sehen wollte, aber sein Papa nicht). Da war er schon sehr distanziert. Und seit dem baut sich bei uns wieder so eine schlechte Stimmung auf. Das Pubertier quengelt und dann ist Schule auch noch so doof. Durch den Ton, den er drauf hat, habe ich aktuell keine Lust was mit ihm zu machen oder ihn mitzunehmen. Gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt wäre ja eigentlich nett.

    Liebe Grüße
    S.

  • #8616

    Daka
    Teilnehmer

    Ich finde die Idee mit dem Weihnachtsmarkt super schön. Versuche doch in diesem Moment mal die Probleme zu vergessen die ihr sonst habt. Macht euch einen schönen Nachmittag und vielleicht öffnet er sich wieder ein bisschen (da würde dann das „Aktive Zuhören“ helfen). Euer Leben wir gerade dominiert von den Problemen, da ist so eine Auszeit doch für alle gut um mal wieder durchzuatmen. Und auch für ihn als Pubertier ist diese Phase ja schwierig…er muss ja auch erstmal mit diesen ganzen körperlichen Umstellungen umgehen lernen… aus deinen Texten lese ich mittlerweile raus, dass du den Jungen doch ziemlich gerne hast, momentan aber einfach überfordert bist mit dem ganzen drum herum…
    Ich bin aber auch gespannt, wie das bei uns noch wird… mein BK ist gerade 10 und da wird es ja doch auch früher oder später losgehen…

  • #8623

    PracticalMagic
    Teilnehmer

    Hej Daka,

    am Wochenende werden mein Lebensgefährte, Junior und ich auf den Weihnachtsmarkt gehen. Ich bin gespannt. Hab nicht gerade Lust, aber vielleicht hat Junior sich ausnahmsweise doch mal im Griff.

    Früher hatte ich ihn mal ganz gerne. Nur seit einiger Zeit verändert er sich immer mehr ins Negative. Er war schon als Kleiner total respektlos. Mit jedem Monat wird es schlimmer. Das macht es nicht leichter ihn zu mögen. Naja, ich bemühe mich.

    Wie lange kennst du dein Bonuskind? Wohnt es dauerhaft bei euch?

  • #8625

    Daka
    Teilnehmer

    Hey, nein mein BK wohnt nicht bei uns, kommt 14 tägig Do-So und in der Woche dazwischen am Do Nachmittag. An den Donnerstagen nehme ich mich dann oft raus und mache meins.
    Wenn du Zeit hast, lies mal das Buch, das könnte dir echt helfen. Und was den Weihnachtsmarkt betrifft: Denke einfach positiv und denke nicht von vornherein, dass es sowieso blöd wird…denn dann wird es das auch. Denke: Wir werden zu dritt einen schönen Nachmittag haben… Frei nach dem Motto: Lächle und man lächelt zurück… 🙂

    In dem Sinne, einen schönen zweiten Advent und liebe Grüße, Daka.

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