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Die verlassene Stiefmutter – Seine Tochter will zur Mutter

Tochter will zur Mutter

Mein Mann (43) und ich (38) leben seit acht Jahren mit dessen großer Tochter (14) zusammen in einem Haushalt. Viel gelernt habe ich in dieser Zeit über das Leben im Patchwork- genauso wie viele der anderen Stiefmütter. Aber jetzt habe ich einen Schlag in die Magengrube bekommen, von dem ich mich kaum erhole. Seine Tochter will zur Mutter ziehen.

Wer bin ich?

Ich lebe in einem Beziehungssystem zwischen MIR, meinem Partner, dessen Exfrau, seiner Tochter und deren Stiefgeschwistern aus vorherigen Beziehungen der EX. Von drei weiteren Kindern lebt nur ein Mädchen bei ihr. Seit 2014 kommt noch unsere gemeinsame Tochter hinzu und bringt mich in eine weitere neue Rolle als Mutter in der zweiten Familie. Gut ist und war stets, dass mein Mann und ich darüber hinaus ein enges und intensives – auch unterstützendes Verhältnis zu unseren Eltern haben. Dazu Freunde, die in schwierigen Zeiten immer ein offenes Ohr für uns hatten, und uns oft für unsere Lebensweise und unsere Kompromissbereitschaft Anerkennung und Lob entgegengebracht haben.

Was ist passiert?

Vor gut einer Woche hat uns “unsere Große“ mitgeteilt, dass es an der Zeit sei, bei Ihrer Mutter zu leben und dass sie ihren Lebensmittelpunkt  ändern will.  In unserem Fall ist die Schule eingeschlossen, da ihre Mutter siebzig Kilometer entfernt lebt. EIN SCHLAG INS GESICHT ODER IN DIE MAGENGRUBE war das. Ohnmacht. Wie gelähmt sein – das waren die ersten Gefühle. Dann Wut bei meinem Mann und Trauer bei mir. Die Tochter will zur Mutter, auf ein Mal, wie geht man damit um?

Diese unendliche Traurigkeit hält an und die Vernunft kämpft täglich gegen das Bauchgefühl. Wir haben ein schwieriges vergangenes Jahr hinter uns. Inklusive Tod des Schwiegervaters, Haus ausräumen, Umzug der Schwiegermutter, Unzufriedenheit im Job (beide), Burn-Out meines Mannes …….. Es führt jetzt zu weit, aber das sind eben Lebensthemen, die “ältere“ Patchwork-Familien natürlich auch umgeben.

Der Austausch mit anderen hilft ein wenig

Ich habe viel “geschmökert“ im Forum und hier im Blog die letzten Tage und bin froh und dankbar für diese Plattform zum Thema. Konflikte mit dem Partner und mit der EX gab es auch bei uns, vor allem aber habe ich mich mit Anfang 30 sehr bewusst dazu entschlossen den Weg mit meinem tollen Mann UND dessen Tochter (“Uns gibt es nur im Doppelpack“) zu gehen.

Das Mädchen war fünf Jahre jung, als gerade die Trennung vollzogen war und sie unbedingt zum Vater wollte. Wir zogen recht schnell zusammen, beide geschieden, ich kinderlos. Was folgte, waren acht Jahre Bonusmama sein. Ich habe oft gesagt, “Ich wurde Mutter über Nacht“ und habe die Rolle stets so gut es ging versucht ’neutral‘ gegenüber dem Kind zu leben. Aber heute wird mir schmerzlich bewusst, wieviel mehr ich Bonusmutter war und bin. Seine Tochter will zur Mutter und mich schmerzt das sehr.

Seine Tochter will zur Mutter ziehen. Ich fühle mich enttäuscht und verlassen

Ich war da, wenn sie mich brauchte. Ich hab sie getröstet am Bett, wenn Mama nicht kommen konnte, wenn Mama sich nicht gemeldet hat. War da für alle Belange des Alltags (Schule, Ärzte, Kindergeburtstage, Reisen, Stress mit Freunden, Hobbies). Ich habe kurzfristige Änderungen bei Wochenend- und Ferienregelungen meist hingenommen. Irgendwann hatte ich nämlich gemerkt, dass ich mich nicht aufregen musste, das änderte sich sowieso nicht. Ich habe bis zuletzt versucht, durch Wort und Tat ihre Mutter IHRE MUTTER sein zu lassen. Ohne ein schlechtes Wort über sie, ohne Vorhaltungen vor dem Kind, ohne Manipulation.

Allerdings oft mit der Faust in der Tasche, weil ich nicht verstehe, warum eine Mutter nicht für ihr Kind dasein kann oder will. Ich habe der Großen stets versucht zu vermitteln, dass Menschen verschieden sind, verschieden denken und unterschiedlich handeln – auch Mütter tun dies.

Stiefmütter sollen sich raus halten? Nein!

Ich habe in diesem Blog oft gelesen, dass Vorhaltungen zwischen den Erwachsenen immer wieder im Raum stehen. Ich weiß wieviel Kraft es manches Mal kostet, diese nicht an die Kinder herankommen zu lassen. Ich habe gelesen, dass Stiefmütter sich raus halten und mehr zurückhalten sollten. Ich finde: Nein! Wir sind Teil des Ganzen und haben sehr wohl ein Wort mitzureden. Wir geben den Kindern gern von unserer vielleicht ebenso bedingungslosen Liebe wie ihre Mütter auch, und wir können “Auffangen“, wenn die Eltern im Streit oder Stress gerade mal wieder kämpfen müssen.

ABER leider muss ich sagen, ja – man muss eben auch damit rechnen, dass man überrollt wird davon, dass die Stiefkinder irgendwann eigene Wege gehen werden. Dies manchmal gefühlt zu früh für einen selbst. Wer vor der Entscheidung steht, Stiefmutter zu werden, muss sich das sehr wohl überlegen und in Kauf nehmen, dass es nicht immer leicht werden wird. In der Situation jammern hilft da wenig.

Man braucht Geduld, Liebe, Einfühlungsvermögen und eine starke Persönlichkeit sowie ein gutes Netzwerk, welches einen auch mal auffängt. Und, was mich teilweise sehr erschüttert hat in diesem Blog zu lesen, einen Partner, der mindestens genauso offen ist für dieses schwierige Beziehungsgeflecht und nicht vor Konflikten zurückschreckt . Einen Partner. der sich ganz nah und klar an die Seite der “Stiefmutter“ als NEXT stellt.

Ich leide. Mir macht der Auszug echt zu schaffen

Ich leide gerade sehr, aber ich mache niemandem einen Vorwurf. Nur in kleinen Gedanken stelle ich mir natürlich viele Fragen. Wir sind eben Menschen und Menschen leben in Beziehungen, diese erleben Krisen und dann heißt es “Aufstehen, Klarheit schaffen und nach vorne schauen!“ Die Tochter will zur Mutter – ich akzeptiere das. Ich habe angefangen mit meinem Mann ein Erinnerungs-Fotobuch zu gestalten für den Tag an dem die Große ihren Lebensmittelpunkt tatsächlich ändern wird.

Wir haben immerhin mit der Mutter erreicht, dass dies nicht völlig “überstürzt“ gegen Ende der Ferien passiert, sondern zu Beginn der nächsten Ferien. Auch das eine “erzieherische Maßnahme“ für das Kind: Wir gehen den Weg mit dir – egal wohin – aber: Lebensentscheidungen bedeuten immer Konsequenzen (organisatorisch, emotional, Reaktionen) und die kann man nicht durch eine Flucht umgehen. Nun ist es an uns weiter die Faust in der Tasche zu behalten u das Kind “gehen zu lassen“ …. *open end*

Liebe Susanne, nun ist sie raus meine Geschichte, ich bin müde des Redens, daher hat mir das Herunterschreiben sehr geholfen. Mit ganz verbundenen Grüßen und einer Sympathie in Deinem Bild und Deinen offenen engagierten Worten im Blog, Sara


Bitte E-Mail mit Stichwort „Seine Tochter will zur Mutter“ an: Stiefmutterblog@gmail.com oder einfach einen Kommentar hinterlassen.

In eigener Sache: Ich weise darauf hin, dass der Stiefmutterblog kein juristisches oder medizinisches Forum ist. Ratschläge, die hier gegeben werden, sollten ggf. von Ihrem Familienanwalt oder Arzt geprüft werden. Ich übernehme keine Haftung für die Ratschläge oder Links, auch nicht in den Kommentaren, freue mich aber sehr über die vielen guten Tipps, die hier gegeben werden.

Foto: Jad Limcaco, Stocksnap

5 Kommentare

  1. Liebe Sarah,
    ich ziehe meinen Hut vor dir!
    Wir waren in ähnlicher Situation, nur dass mein Stiefkind im Wechselmodell lebte. Der Mutter passte dies aber von Anfang an nicht wirklich (nur war das Kind damals zu klein – bei der Trennung 4 Jahre alt und ihr alles zu anstrengend…)
    Entsprechend anstrengend war Verbindlichkeit.
    Sie hat das Kind ausreichend lange manipuliert, so dass vor ca. 2 Jahren der – sich ehrlicherweise schon länger abzeichnende – Knall kam….
    Wir haben nach all den Lügen von Kind (!) und Mutter inzwischen unsere Konsequenzen gezogen!
    Wir konzentrieren uns auf unsere Familie, zu der dieses Kind aus eigenem Antriebe nicht mehr gehören wollte.
    Und ja, es ist sehr vieles vorgefallen. So viel, dass ich auch ein Buch darüber schreiben könnte.
    Pubertät hin oder her…
    In 3 Jahren ist das Kind volljährig, bis dahin bete ich zu Gott, dass sie uns in Ruhe lässt.
    Verstehen kann man das nur, wenn man alle Aspekte (die ich hier weder alle ausbreiten kann, noch mag) kennt.
    Zumindest hat es in unserem Fall nichts mit flügge werden des Kindes zu tun…

    Liebe Sarah, ich wünschte, ich könnte Dir Trost senden…
    Helfen die altbekannten Worte? „Es wird besser“…Es wird anders, das ist die Wahrheit. Aber Du schaffst das!
    Konzentriert euch auf eure Kernfamilie und erklärt dem gemeinsamen Kind eure Wut, euren Schmerz und die Trauer. Weint gemeinsam und wachst dadurch auch gemeinsam (noch ein Stück fester zusammen ).

    Alles Liebe Euch!

  2. Liebe Sara,

    ich kann mich dem Kommentar von Angela nur anschließen. Ihr lasst ihr den Freiraum den sie braucht und wer weiß, vielleicht ist sie schneller wieder da als gedacht. Sie möchte jetzt vielleicht einfach wissen, wie es bei der Mutter ist. Die Pubertät ist eine Zeit der Umbruchs und da passiert soviel in ihrem Kopf. Habt ihr mal mit ihr gesprochen, warum sie das gerade jetzt möchte? Vielleicht hat es ja auch einen ganz anderen Grund, z.B. dass sie Probleme in der Schule oder mit Freunden hat und denkt, wenn sie zur Mutter zieht und dort auf eine neue Schule geht, lösen sich diese Probleme? Oft ist ja der Kern ein anderer, als man eigentlich denkt. Wie sieht das denn die Mutter?
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die kommende Zeit,
    LG Daka.

  3. Angela sagt

    Du fühlst wie nur eine Mutter die bedingungslos liebt fühlen kann ❤
    Ich empfinde Dich als wunderbar. Ihr du und dein Mann habt diesem Mädchen Wurzeln gegeben und jetzt will sie Flügel und auch diese gebt Sie ihr. Eure Türe bleibt offen und ich verspreche Dir das dieses Mädchen Dir und Deinen Mann dankbar für eine tolle Kindheit sein wird und du immer einen Platz in ihrem Herzen haben wirst.

  4. Sandra sagt

    Liebe Sara,
    es ist höchstwahrscheinlich, dass es nur Flausen sind. Das hatten wir auch und mein Bonuskind war zu der Zeit 15. Mein Mann war zerstört und ich habe ihm gesagt, in einem halben Jahr wäre sie wieder bei uns. Ich hatte mich um ganze 3 Monate verschätzt. Aber nach einem halben Jahr war es bereits abzusehen, dass sie wieder zurückkommt. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Sie rief nach 9 Monaten an: Papa, Mamas Mann hat mich der Wohnung verwiesen. Ich darf dich noch anrufen und muss dann mit meinen Habseligkeiten vor die Tür. Ich habe auch schon von anderen Trennungskindern gehört, die zuerst beim Papa waren und dann bei Mama ein halbes Jahr „Ferien“ machtenht. Ich weiß auch nicht, warum sie das tun. Ich schätze mal, sie testen die Liebe der Eltern.

  5. Hallo Sara,

    warum wollte sie denn damals unbedingt beim Vater bleiben und nicht bei der Mutter? Das ist ja sehr ungewöhnlich. Ich habe selbst 2 Stiefkinder die bei uns leben. Die Große auch von Anfang an. Der Junge kam nach.
    Und warum möchte sie jetzt unbedingt zur Mutter? Nicht dass es nur jugendliche Flausen sind und in ein paar Jahren möchte sie wieder zu euch.
    Was sagt denn die Mutter dazu? Freut sie sich oder hat sie sich erst einmal dagegen gesträubt, dass die Tochter jetzt zu ihr möchte?
    Die Mutter meiner beiden Stiefkinder würde niemals auf die Idee kommen, ihre Kinder wieder zu sich zu nehmen. Sie müsste nämlich ihr ganzes Leben neu ausrichten. Davon mal abgesehen, dass die Große nie freiwillig zu ihr ziehen würde. Das sieht beim Jungen schon anders aus.
    Ich kann dich aber sehr gut verstehen. Du hast soviel Liebe, Aufmerksamkeit und Aufopferung in deine Stieftochter gesteckt. Sie war oder ist wahrscheinlich fast wie eine richtige Tochter für dich.

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