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Die Rolle der Stiefmutter – Vom scheitern und wieder zueinander finden

Die Rolle der Stiefmutter

Auch ich bin Stiefmutter und stand schon zweimal kurz vor dem Ende meiner Beziehung. Dennoch will ich eine Lanze brechen für Kinder, die gemein werden können, für Männer, die sich ihrer Rolle nicht klar sind und für uns Mütter selbst. Ob Stiefmutter oder leibliche Mutter. Meine Kernfrage: Müssen wir die Rolle der Stiefmutter, die uns zuteil wird, eigentlich annehmen?

Warum scheitert Patchwork?

Der Brief von Sabi, in dem sie über das Ende ihrer Patchworkfamilie berichtet, hat mich sehr betroffen gemacht. Mein Name ist Thea, meine Kinder nennen mich Mama und Nata. Als ich meinen Mann kennenlernte, war ich 16 Jahre alt. Wir waren im Tanzkurs, die Welt war in Ordnung, das Leben bunt. 14 Jahre später treffe ich ihn in der Fußgängerzone unserer kleinen Heimatstadt. Mit einem etwa sechsjährigen Mädchen an der Hand und einem Kleinkind, fast noch ein Säugling, im Kinderwagen.

Ich wusste, dass Jens Vater geworden war. Seine Frau hatte ich kennengelernt. Klug, stark, eigenwillig. Jedenfalls sehr viel sympathischer als seine Ex-Freundin, und deswegen hatte sie bei mir schon einen Stein im Brett. Jens und ich waren mit 18 sehr verliebt ineinander, doch beide gebunden. Deshalb wurde aus uns nie ein Paar, obwohl wir uns das sehr wünschten. Ich lernte neue Männer kennen, er seine zukünftige Frau, heiratete, bekam Kinder.

Ich sprang ins kalte Wasser

Dann die Begegnung in der Fußgängerzone, im März 2003. Er sah zerbrechlich aus. Wir plauderten eine Weile, dann verabschiedete ich mich ausführlich, nicht ohne mehrfach Grüße an seine Frau auszurichten. Irgendwann betretenes Schweigen. „Weißt Du eigentlich, dass ich Witwer bin?“ Seine Frau war wenige Wochen nach der Geburt der zweiten Tochter, an einem Infarkt gestorben.

Wir kamen Anfang Mai zusammen. Ich entschied mich sehr schnell, ins kalte Wasser zu springen, um den Kindern gerecht zu werden. Aber auch, das gebe ich zu, keine Hintertür offen zu haben. Ich wollte es und wollte in meiner Rolle als Stiefmutter keinen Rückzieher machen. Die ersten Jahre waren sehr hart. Nicht wegen der Kinder, zumindest nicht ausschließlich. Die Große hatte sich immer eine neue Mama gewünscht, jetzt war ich da, doch das Kind reifte und gewann die Erkenntnis: Die neue Mama kann die alte nicht ersetzen. Nein, das wollte ich auch nicht.

Die Kinder zogen alle Register

Die Kleine brachte mich an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Papa fuhr morgens zur Arbeit, ich blieb zu Hause um auf die Kinder aufzupassen. Mia weinte, wenn sie mich sah. Vom Aufwachen bis Papa abends nach Hause kam. Nach einem halben Jahr wollte ich gehen. „Ich schaffe es nicht“. Ich wurde meiner selbstgewählten Rolle nicht gerecht. Das Gefühl war so niederschmetternd.

Es kam der Tag, wo ich Phoebe sagen musste, dass ich nicht gegen ihre Mutter ankommen würde, das es ungerecht sei, mich zu vergleichen. Denn mir machten diese ständigen „Mama hat das aber so oder so gemacht“ einfach weh. „Deine Mama macht keine Fehler mehr, sie ist im Himmel.“

Auch die Schwiegereltern waren präsent

Seine Eltern waren heilfroh, dass da „jetzt mal wieder eine junge Frau ist.“  Schwiegereltern, eigene Eltern und die Ex-Schwiegereltern – die Eigendynamik, die sich da in der Rolle der Stiefmutter entwickelte,  hat mich fast die Ehe gekostet.

Seine Ex-Schwiegereltern kamen mit meiner Rolle nicht klar. Ich hätte ihren Enkelinnen gar nicht zu sagen, das wären schließlich die Kinder ihrer Tochter. Phoebe wurde in einen Gewissenskonflikt gestürzt, entwickelte eine Essstörung, wir besuchten eine Jugendpsychiaterin. Ich wollte alles richtig machen, besuchte mit den Mädchen das Grab ihrer Mutter, um sie so in die neue Familie zu integrieren. „Sie haben da nichts verloren“, wurde ich angeblafft. Phoebe  wurde immer ängstlicher. Ich stellte mich vor das Kind und machte den Großeltern klar: „So können Sie mit einem Kind nicht umgehen. Wenn Sie jemanden treffen wollen, dann lassen Sie Ihren Frust an mir aus!“ Das taten sie. In dem kleinen Ort, in dem wir leben, wusste jeder über uns detailliert Bescheid, es wurden bösartige Dinge über mich verbreitet. Manche wechselten die Bordsteinseite und jeder bildete sich ein Urteil. Für die einen war ich die böse Stiefmutter, für die anderen die Heldin.

Unsere Familie wuchs und ich adoptierte meine Stiefkinder

Unsere Tochter Agnes wurde 2004 geboren. Ein Sonnenschein, der die Kluft zwischen alter und neuer Familie zu schließen schien. Ganz selbstverständlich nennt sie alle drei Großelternpaare „Oma und Opa“. Ich adoptierte Phoebe und Mia 2005. Und dennoch, es hörte nicht auf.

Die Erwartungen waren riesig. Ich erwartete Dankbarkeit, meine Mutter ebenso. Jede Rolle erwartet einen Applaus. Auch die Rolle der Stiefmutter. Nichts machten die beiden älteren Kinder gut genug in unseren Augen. Phoebe und Mia lieben ihre Schwester sehr, aber „Familie“ in einer Patchwork-Familie ist wie Futterneid bei Haustieren: Manchmal greifen einfach die Instinkte und es wird um die Aufmerksamkeit gebuhlt. Jens Eltern sahen und sehen sich heute noch als Eltern-Ersatz für Mia, die sie ab dem neunten Lebensmonat betreuten, bis ich in die Familie kam. Die Großeltern mütterlicherseits taten alles für die Große. Meine Mutter kümmerte sich vorrangig um Agnes. Klingt alles traumhaft und schön geordnet, war es aber nicht.

Die Rolle der Stiefmutter wechselte ständig

Für meine Kinder war ich abwechselnd die böse Stiefmutter und die liebe Nata. Mia konnte und wollte nicht mit mir und ohne mich. Phoebe ist heute noch ein Papa-Kind. Agnes gibt mir vieles zurück, was ich von den Mädchen nicht bekam. Ich habe aber auch erst ganz spät danach gefragt, was ich denn den Kindern gebe? Bedingungslose Liebe? Ehrlich, nein. Orientierung? Ja.

Ich fühlte mich allein gelassen im ständigen Kampf um den Respekt. Und ich zog gleichzeitig alle Verantwortung an mich. Mein Mann ist ein super Vater, aber als Mann und Partner konfliktscheu. Ich habe mehr Biss. Dass er für mich so zögerlich und spät erst Partei ergriff, habe ich ihm lange nicht verziehen.

Fast wären wir gescheitert

2009 lernte ich jemanden kennen und verliebte mich neu. Es wäre fast vorbei gewesen, mit unserer Ehe.

Ich beendete die Affaire schweren Herzens und zog mich von zu Hause zurück: Ich wollte diese mir zugedachte und selbst angenommene Rolle der Stiefmutter nicht mehr. Wollte keine böse Stiefmutter, keine Putzfrau, nicht mehr für alles verantwortlich sein. Ich zog aus. Das war für unsere Kleine sehr hart.  „Ich will nicht, dass ihr euch trennt“ – nein, ich auch nicht, aber ich will mich – wie Sabi – auch nicht selbst verlieren.

Ich zog aus, in eine kleine Wohnung in der Stadt. Die Kinder wohnten weiterhin mit Papa zusammen. Abwechselnd besuchten mich meine Mädels. Mal übernachtete Phoebe mit einer Freundin bei mir und ich schlief zu Hause bei Mann und Kindern, mal war Mia bei mir. Und Agnes genoss es ganz besonders, ihre Mama in der neuen Wohnung auch mal ganz für sich alleine zu haben. Außerdem blieb ich abends öfter mal für mich, das tat mir gut. Jens kam morgens auf dem Weg zur Arbeit auf einen Kaffee bei mir vorbei. Und am Wochenende genossen mein Mann und ich die Ungestörtheit – es war plötzlich wieder romantisch und nicht alles nur „schwer“.

Heute schätzen wir einander

Nach eineinhalb Jahren bin ich zurückgezogen. Jens und die Kinder hatten gelernt, sich selbst zu organisieren und ein eigenes Haushalts-System entwickelt. Ich fühlte mich immer öfter einsam in der eigenen Wohnung; ihr Zweck hatte sich überholt. Und: Endlich freuten sich wieder alle aufeinander.Und: Wir schätzten einander.

Natürlich gibt es – altersgemäß – immer wieder Rückschritte. Mia, die mir mit 12 Jahren an den Kopf knallte, sie ziehe aus. Phoebe, heute 19, macht hingegen keinerlei Anstalten, auszuziehen –  manchmal wünschte ich mir, sie würde schneller flügge. Ich habe für mich beschlossen, das Beste zu geben, was ich geben kann. Und von mir auch nicht mehr zu erwarten. Wenn es manchmal nur 80 Prozent sind, dann muss das auch mal reichen. Es sind Befremdlichkeiten geblieben. Aber ich halte es aus. Wer hat schon festgeschrieben, dass alles immer nach Bilderbuch laufen muss?

Ich bin angekommen, wir sind angekommen

Wir haben jetzt 12 Jahre gebraucht, um dieses Level zu erreichen. Ich nenne es „Angekommen.“  Einiges habe ich nicht lösen können, zum Beispiel den Konflikt mit den Ex-Schwiegereltern meines Mannes. Aber ich fühle mich nicht mehr allein dafür verantwortlich und kann den bestehenden Status einfach stehen lassen. Oder schiebe den Ball meinem Mann zu. Ich bin nicht mehr die böse Stiefmutter, sondern Nata, Mama oder Thea, die wie alle hier in dieser Familie ihre Macken hat und haben darf.

Scheitern hat in meinen Augen viel mit den eigenen Anprüchen zu tun. Wenn wir Stiefmütter uns einfach vor Augen führen, dass leibliche Mütter und Väter auch Fehler machen, nehmen wir uns den Druck. Nicht: „Du musst Dein bestes geben, die beste Mama sein.“ Sondern: „Ich gebe das, was ich geben kann – es muss reichen.“

Ich glaube, liebe Sabi, dass Sie auch Ihr Bestes gegeben haben. Geben Sie sich jetzt Zeit  – vielleicht kommt der Tag, an dem die Kinder ihres Mannes sagen werden: „Och, die Sabi war doch ganz okay.“ Ganz okay ist für mich schon „Super!“.

Liebe Grüße und alles Gute, Thea


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In eigener Sache: Ich weise darauf hin, dass der Stiefmutterblog kein juristisches oder medizinisches Forum ist. Ratschläge, die hier gegeben werden, sollten ggf. von Ihrem Familienanwalt oder Arzt geprüft werden. Ich übernehme keine Haftung für die Ratschläge oder Links, auch nicht in den Kommentaren, freue mich aber sehr über die vielen guten Tipps, die hier gegeben werden. Foto: Stocksnap

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