Allgemein
Kommentare 4

Nein heißt nein!?! Was sonst?

Es ist jetzt fast dreißig Jahre her. Ich wohnte damals in Berlin, arbeitete beim Radio, war Single, hatte einen großen Freundeskreis und war nachts viel unterwegs. Dschungel, DNC,  ChaCha die damals angesagten Clubs halt. Aids war noch kein Thema, Sex schon. Eines Abends lernte ich im Dschungel einen jungen Mann kennen… NEIN HEISST NEIN – meine eigene Geschichte.

Es hätte so schön sein können

Der Kerl sah super aus, Typ James Dean. Dazu war er Fotograf, oder machte eine Ausbildung zum Fotografen. So genau erinnere ich mich nicht. Aber ich weiß, er arbeitete bei Jim Rakete. JIM RAKETE. Damals ein echter Mr. Wichtig in der Szene. Er war nicht nur DER Fotograf Deutschlands, sondern auch noch Manager und Entdecker von Nena. Wenn man jung ist, findet man so etwas cool. Ok, später vielleicht auch noch 🙂 Ich lernte James Dean im Dschungel kennen. DEM CLUB im damaligen Mauer-Berlin.

„Mal sehen, was im Dschungel läuft.
Die Musik ist heiß, das Neonlicht strahlt,
irgendjemand hat mir’n Gin bezahlt.
Die Tanzfläche kocht, hier trifft sich die Scene,
ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin!“
Annette Humpe, IDEAL, 1980

Ich war Feuer und Flamme. Alkohol war nicht im Spielt – konnte ich mir nicht leisten damals – aber ich fand ihn super und so landeten wir irgendwann bei mir. Und ja, wir hatten Sex. Ich wollte es genauso wie er. Fertig.

Drei Tage später schrecke ich mitten in der Nacht hoch. Es klingelt wie wild an meiner Tür. Ich mache nicht auf, aber irgendjemand aus dem Haus muss den Türsummer gedrückt haben. Jedenfalls hämmert es plötzlich gegen meine Wohnungstür im zweiten Stock. Immer lauter. Ich hatte sowieso Ärger mit den Nachbarn unter mir. Auch wenn ich nie Schuhe in der Wohnung trug, war ihnen immer alles zu laut. Seltsamerweise dachte ich, während es an der Tür hämmerte, nur an die Nachbarn, und dass die sich bestimmt wieder aufregen würden.

Plötzlich stand er in meiner Wohnung

Also stand ich auf, ging zur Tür. Eine Sicherheitskette hatte ich damals nicht. Blöd, ich weiß. Ich öffnete die Tür einen kleinen Spalt, da wurde sie mir schon entgegen gedrückt und James Dean stand in meinem Flur. Er sah wüst aus. Angetrunken, auf irgendwelchen Drogen? Keine Ahnung. Ich hatte keine Zeit, ihn danach zu fragen. Er schnappte mich, zog mich ins Schlafzimmer. Sagte ich „Nein“? Auch das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, ich sagte gar nichts. Machte auch gar nichts. Der Moment selbst fehlt mir.

Er schlief hinterher sofort ein, ich lag wach daneben. Gedanken schoßen mir durch den Kopf. Was war das hier gerade? War das eine Vergewaltigung? Vergewaltigung ist doch etwas anderes. Das ist doch etwas, wo man in einem Park von einem Wildfremden hinter den Busch gezerrt und mit dem Messer bedroht wird. Oder?

Eins war klar: Ich gehe nicht zur Polizei

Mir war klar, dass ich nicht zur Polizei gehen werde. Ich konnte mir die Situation bildhaft vorstellen. „Ach, Sie haben den Herren vor drei Tagen mit in Ihre Wohnung genommen, nachdem Sie ihn an dem Tag kennen gelernt hatten? Sie kennen nur den Vornamen des Herren? Sie haben ihm in der fraglichen Nacht selbst die Wohnungstür geöffnet? Sie haben nicht geschrien oder sich mit Fäusten zur Wehr gesetzt? Sie haben auch dann nichts unternommen, als er neben Ihnen schlief? AHA!“

Nein, hab ich nicht. Und ich frag mich selbst, warum nicht. Aber ich mache das bestimmt nicht noch schlimmer, indem ich diese Fragen ausführlich mit Polizisten, Staatsanwälten oder Richtern diskutiere! So. Fertig. Ist passiert. Ungestraft blieb seine Tat allerdings nicht…

Frauenpower – Die Waffen der Frau

Ich erzählte Freundinnen, was passiert war. Klar. Das war meine Art der Verarbeitung. Damals telefonierte man noch stundenlang miteinander. Per Festnetz. Handys, EMails, SMS, What´s up etc. gab es noch nicht. Ich war gut vernetzt und sehr offen. Ich arbeitete beim Radio, da redet man viel. DschungelBerlin war ein Dorf. Durch die Mauer-Insellage kannte in der Szene jeder jeden. Schließlich gingen immer die gleichen Leute in die gleichen Clubs. Touristen kamen damals nur aus Westdeutschland und nur am Wochenende. Ich war Stammgast im Dschungel.

Auch einige meiner Freundinnen kannten ihn vom Sehen. „Klar, den kenne ich. Der James Dean Typ. Sieht super aus. Der ist so scheiße drauf? Hammer! Das Schwein! Na warte.“ Und dann passierte etwas, was meiner wunden Seele mehr als gut tat. Auch wenn es anfänglich ganz anders aussah.

Einige Tage später war ich wieder im Dschungel und plötzlich kam James Dean herein spaziert. Er kam nach kurzem Umherschauen direkt auf mich zu und hatte tatsächlich die Chuzpe, mich anzusprechen. Nach dem Motto: „Is´ was?“ Klar. Er hatte kein Schuldgefühl. Wer weiß, ob er sich überhaupt noch erinnerte. Wahrscheinlich hatte er Pilze oder LSD genommen. Ich sagte ihm, er solle verschwinden. Er lachte nur, drehte sich um, ging zur Bar, holte sich einen Drink und musterte abschätzend die Damen auf der Tanzfläche. Nach kurzer Zeit war er im Gespräch mit einer Frau, die ich nicht kannte. Allerdings nur kurz.

Er bekam keinen Stich mehr

Meine Freundin Anja hatte die Situation mitbekommen. Sie machte kurzen Prozess, ging zu den beiden, lächelte ihn an und flüsterte der Frau etwas ins Ohr. Die beiden tuschelten, während James Dean siegessicher daneben stand. Anja erzählte ihr, was passiert war, zeigte zu mir. Die Frau schaute mich fragend an, ich nickte. Dann kam sie mit Anja zu mir. Ich sagte ihr, dass ich vor einer Woche auch so mit ihm dagestanden und geflirtet hätte. Und was anschließend passiert war. An dem Abend bekam James Dean keinen Stich mehr im Dschungel.

Auch die nächsten Wochen nicht mehr. Meine Freundinnen hatten ebenfalls Freundinnen und die hatten ebenfalls Freundinnen. James Dean kam nicht mehr zum Zug. Immer war eine Freundin einer Freundin Zeuge seiner Flirtversuche, und klärte die jeweilige Frau auf.

Der Höhepunkt war ein Abend, an dem wir mit einer Gruppe Mädels durch die Straßen zogen und er plötzlich mit einer Frau vor uns ging. „Hey, sag mal, der Typ da vorne mit der Lederjacke. Ist das nicht der Typ, der Dich auf Drogen vergewaltigt hat?“ rief eine aus meiner Gruppe so laut, dass James Dean und die Frau sich umdrehten. „Ja, das ist er“, sagte ich, als ich fast vor ihm stand. „Das ist der Typ, der in meine Wohnung eindrang und mich gegen meinen Willen ins Schlafzimmer gezerrt hat.“ Die Frau war völlig schockiert. Er wollte ausfallend werden, aber wir waren fünf Frauen, plus die Sechste, die ihn fragend anschaute. „Leckt mich“, sagte er nur, wechselte die Strassenseite und verschwand.

SusanneIch habe ihn seitdem nicht mehr gesehen. Irgendjemand erzählte mir später, er hätte seinen Job bei Jim Rakete geschmissen, wäre nach Hamburg gezogen. Ob das mit mir und meinen Mädels zu tun hatte? Ich hoffe! Und ich hoffe auch, dass er eine Lektion gelernt hat.

Nein heißt nein – auch wenn es nicht gesagt wird

Auch wenn ich nicht ausdrücklich NEIN gesagt habe – ein Es-mit-sich-geschehen-lassen ist kein JA. Ein Sich-nicht-wehren ist kein JA. Ein Nicht-schreien ist kein JA. Ich bin mir sicher, dass 99% der Männer das wissen und genauso sehen. Und ich bin mir auch sicher, dass James Dean es spätestens seit seinem Umzug nach Hamburg auch weiß.

P.S. Keine Sorge, ich habe kein Trauma. Ich habe aber auch nicht vergessen. Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob ich heute auf einer Polizeiststation anders angeschaut werden würde. Was denkt Ihr?

 

4 Kommentare

  1. medwed00 sagt

    Danke für Deine Geschichte!!
    Mir ist damals etwas ähnliches passiert. Es war mein erster „richtiger“ Freund. Ich war gerade 14 Jahre alt. Ich komme aus einem schwierigen Elternhaus und er gab mir – in meiner unreifen Vorstellung – den Halt, den ich dort nicht hatte.
    Wir waren gerade zwei Wochen zusammen, da sagte er, dass ich mit ihm schlafen müsse, er könne nicht warten, sonst müsse er sich jemand anderen suchen.
    Ich war damals alles andere als stabil. Ein paar Tage später war es dann soweit. Ich hatte große Angst. Anfänglich versuchte ich, mich zu überwinden. Als es ernster wurde, versuchte ich mich zu entziehen. Drehte mich weg. Er ignorierte es. Innerlich schrie ich, äußerlich war ich gelähmt. Ich weinte, er machte weiter.
    Lange gab ich mir die Schuld, weil ich mich nicht gewehrt habe. Ich hätte schreien können, um mich schlagen, versuchen mich aus seinem Halt zu befreien. Damals war er jedoch der einzige Mensch für mich. Das wusste er und hat es ausgenutzt.
    Ungefähr sechs Jahre später rief ich bei seiner Mutter an. Die Nummer hatte ich aus dem Telefonbuch. Auf gut Glück fragte ich, ob er noch da lebe. Er lebte tatsächlich noch dort. Ich bat ihn um ein Treffen.
    Bei dem Treffen konfrontierte ich ihn mit den Geschehnissen. Er gab an, sich nicht zu erinnern. Er schob es auf seine Drogenproblematik und eine daraus resultierende Psychose. Es tat ihm aufrichtig leid. Ich glaubte ihm.
    Seither konnte ich meinen Frieden damit schließen. Nicht weil er sich entschuldigt hat. Sondern weil ich bei dem Treffen gemerkt habe, dass er keine Macht mehr über mich hat. Die Jahre davor schwebte er wie ein Schatten über mir. Nun war ich frei.

  2. Daka sagt

    Liebe Susanne,

    wow, danke für diesen mutigen Bericht!
    Ich bin auch skeptisch, dass das neue Sexualstrafrecht irgendwas ändern wird. Denn wenn man im „stillen Kämmerlein“ nein sagt und es keiner hört, kann man leider immer noch nicht beweisen, dass es eine Vergewaltigung war…
    Manuel, es gibt sicher diese Frauen die Männer unschuldig belasten, aber die gab es schon immer und ich bezweifle, dass es durch das neue Gesetzt soviel mehr davon werden. Ich bezweifle leider auch, dass damit mehr Frauen zur Polizei gehen werden und Anzeige erstatten…Susanne hat es sehr schön beschrieben, wenn man das durch hat, will man nicht unbedingt noch „An der Wahrheit zweifelnde“ Fragen hören und sich erklären müssen, warum man beispielsweise denselben Mann 3 Tage vorher mit nach Hause genommen hat… und nun plötzlich nicht mehr will…Man ärgert sich ja schon selbst genug über seine eigene „Blindheit“ nicht erkannt zu haben, was das für ein Typ ist…
    Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass es bei Männern ab einem bestimmten Punkt nur schwer ein zurück gibt… ich habe mal in London in einer Disko mit einem Typen geflirtet und auch ein bisschen geknutscht. Mehr wollte ich nicht – er aber schon. Er war richtig sauer, dass es mit mir seine Zeit verschwendet hatte…zum Glück war der Laden groß genug und meine Freundin dabei, so dass ich „flüchten“ konnte…Ich mag mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn wir nicht so öffentlich unterwegs gewesen wären… Manchmal merkt man ja auch erst dabei, dass das irgendwie nicht passt – nur die meisten Männer verstehen das dann nicht und wollen – und evtl. können – nicht aufhören…

    Ich bin gespannt wie es in dieser ganzen Debatte weitergeht…

  3. Susanne Petermann sagt

    Ich habe niemanden falsch bezichtigt. Ich habe etwas erlebt. Punkt.
    Ich bin damit nicht zur Polizei gegangen.
    Nicht, weil es nicht passiert ist, sondern weil ich keine Lust darauf hatte, dort zerfleischt zu werden.
    Ich bin ein relativ gefestigter Mensch, mich hat das Erlebnis nicht vernichtet. Wie gesagt, es war auch nicht die „Hinterm Busch im dunklen Park“ Nummer und ich habe – auf meine Art – zurück geschlagen. Das kann nicht jede Frau.

    Ich bin mir auch nicht sicher, ob das neue Gesetz etwas ändert. Aber ich bin mir sicher, dass die Zahl der tatsächlichen Vergewaltigungen deutlich höher ist, als die der Falschanschuldigungen. Ich bin mir sogar sicher, dass die Zahl der nicht angezeigten Vergewaltigungen deutlich höher ist, als die der fälschlicherweise angezeigten Vergewaltigungen.
    Herr Türk tut mir wirklich leid. Das war sch..e von der Frau.

  4. Manuel sagt

    Ich sehe in dem neuen Gesetz ein riesengroßes Problem:

    Es gibt heute schon genug Frauen die aus den verschiedensten Gründen jemanden fälschlich und wider besseren Wissens einer Vergewaltigung beschuldigen. Da gibt es prominente Fälle wie etwa Kachelmann oder Türk und unzählige die nicht an die Öffentlichkeit kommen weil der jeweilige Mann nicht bekannt ist. Gemeinsam ist alles Fällen, dass Frau den Falschbeschuldigten „fertig“ machen will. Stand heute muss Frau sich – um wenigstens einigermaßen glaubwürdig zu sein – immerhin noch selbst Verletzungen als Beweis beibringen. DNS existiert ja schließlich nicht bei einer nicht stattgefundenen Vergewaltigung.

    Zukünftig wird die Hemmschwelle für derartige Falschbeschuldigungen deutlich nach unten abgesenkt. Frau muss einfach nur noch irgendwie glaubhaft machen sie hätte „Nein“ gesagt oder anderweitig zu erkennen gegeben keinen Sex haben zu wollen. Frauen von solchem Kaliber haben dann wahrscheinlich auch noch irgendeine Freundin die das auch noch bezeugen kann.

    Es wird also darauf hinauflaufen müssen, dass man zukünftig vorm Sex eine schriftliche beiderseitige Einverständniserklärung unterzeichnet. Alternativ gehen natürlich auch Ton- und Videoaufnahmen 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.