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Die Goldene Patchworkregel

Laufen in den Schuhen des Anderen. Foto: Stiefmutterblog.com

Die goldene Patchworkregel, der Weg zu einem guten Miteinander, ist eigentlich geradezu banal. Warum nur fällt es uns so schwer, danach zu leben?

„Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist“

Die Goldene Patchworkregel

Diese indianische Redensart ist vielleicht allen Beteiligten im Patchwork grundsätzlich ans Herz zu legen. Den Müttern, die einer Stiefmutter die Daseinsberechtigung absprechen genauso, wie den Stiefmüttern, die meinen, alles sowieso besser zu können. Den Eltern, die nicht verstehen, dass andere Menschen mit ihrem „goldigen“ Nachwuchs Probleme haben genauso, wie den Stiefeltern, die den geschenkten Nachwuchs einfach nur als zickig empfinden. Es ist sehr schwer, sich in die Gefühle und Reaktionen eines anderen hineinzuversetzen, die Perspektive der anderen Person einzunehmen. Natürlich. Aber nur so kann man deren emotionale Reaktionen wenigstens versuchen zu begreifen.

Rena hat das heute erkannt. Spät, aber besser spät als nie. Als sie noch alleinerziehende Mutter war, konnte sie die Stiefvater-Probleme ihres Partners nicht nachvollziehen. Sie hat seine Position nur aus ihrer Warte betrachtet, nie versucht, sich in seine Situation zu versetzen. Seitdem sie nicht nur Mutter sondern auch Stiefmutter ist, versteht sie plötzlich die Probleme, die ihre Lebensgefährten früher hatten.

Versetzen Sie sich in die Lage des Anderen

„Ja, das leidige Thema mit den Stiefkindern. Früher war ich diejenige, die den Partnern die eigenen Erwartungen übergestülpt hat. Die nicht verstanden hat, warum die Partner auf meinen Exmann eifersüchtig waren. Wir waren doch nicht mehr zusammen, er holte lediglich sein Kind vom Hort ab und ich es bei ihm. Täglich.“

Rena hat nicht verstanden, warum ihre neuen Partner nicht die Rolle des Familienoberhauptes übernehmen wollten und eifersüchtig auf ihr Kind waren. Mehrere Partnerschaften zerbrachen daran. „Nun, heute ist mein Kind über 18 und wird flügge. Langsam kapiere ich, im Vergleich weil ich nun die andere Seite kennengelernt habe, wie diese Männer sich gefühlt haben müssen.“

Die andere Seite? Die Mokassins des Anderen? Dafür musste Rena erst mit einem Mann zusammen kommen, der selbst ein kleines Kind hat, das über zehn Jahre jünger als ihres war. Sie zogen nach einiger Zeit zusammen – und nun ziehen sie wieder auseinander. Rena kann die Situation, von der sie früher dachte, sie sei doch ganz einfach, nicht mehr ertragen. Sie ist froh, sein Kind dann nicht mehr so oft zu sehen und aus den ganzen „Verstrickungen“ herauszukommen.

„Für das Kind ist die Lösung, wie die Eltern alles organisieren, super. Für mich nicht. Sicherlich ist dies auf persönliche Defizite in meinem Charakter zurückzuführen, vielleicht auch einfach normal. Es gibt keine Regelmäßigkeit. Mutter und Vater korrespondieren TÄGLICH, teilweise stündlich über die Organisation bezüglich ihres Kindes. Aber nur untereinander, nicht mit mir. Ich weiß nie, wann es kommt, kommen wird, wie die Wochen geplant sind, bzw. wenn ich es weiß, habe ich keinen Einfluss. Das Kind kann mich nicht eine halbe Stunde mit seinem Vater alleine lassen. Es muss immer reinquatschen. Es steht einfach immer im Mittelpunkt. Für meinen Geschmack schlichtweg zu sehr. Vielleicht wird jetzt alles besser, wenn wir getrennte Wohnungen haben. Ich habe schlicht keinen Nerv und keine Kraft mehr, ständig die Letzte in einer Entscheidungskette zu sein. Auch nicht auf die Verstrickungen mit der Ex. Ich mag sie, aber ich mag nicht mit ihr verstrickt sein.“

Rena ist reflektiert. Sie sieht, dass sie die gleichen Probleme hat, wie damals die Männer, die sie als „Stiefvater“ für ihr Kind wünschte. Sie mag nicht dauernd daran erinnert werden, dass ihr Freund die andere Frau einmal geliebt hat und bei dieser Frau mehr akzeptiert hat als bei ihr. Dabei empfand sie es damals, als die Vorzeichen umgekehrt waren, als normal.  „Es triggert alte Ängste, vielleicht auch ganz archaisch biologische. Nicht die Kontrolle über die Situation zu haben, zum Beispiel. Täglich daran erinnert zu werden, dass man die Next ist. Dass diese Frau die Fäden in der Hand hat, letztendlich, wann „wir“ den Sohn haben und wann nicht. Dass ich keinen Einfluss habe. Ich weiß, rein rational, dass alles okay ist wie es ist – für das Kind. Außer dass ich netter sein könnte. Aber für mich ist es nicht okay.

Patchwork ist so anstrengend

Daran zu arbeiten ist furchtbar anstrengend. Ich brauche meine Kraft mittlerweile jedoch für mich, immerhin sorgt der Mann nicht für mich, so wie es meistens heute der Fall ist. Meine eigene berufliche Existenz ist gerade im (Neu) Aufbau, mein eigenes Kind ist flügge. Ich bin nicht mehr bereit, mich mit dem Kind einer anderen Mutter auseinanderzusetzen, um deren Freizeit, Karriere etc. zu unterstützen.“

Rena hofft, dass es ihr leichter fallen wird auf das Kind einzugehen, wenn sie nicht mehr zusammen wohnen. Wenn sie das Gefühl hat, zumindest über ihr eigenes Leben wieder Kontrolle zu haben. „Wann ich wen sehe; dass die Türe zu ist, wenn sie zu ist. Ich kann dann wieder entscheiden, ob ich das Kind sehen will oder nicht. Wenn ich den Vater sehen will, wird das so sein. Aber ich bin nicht mehr so sehr in der Verstrickung mit der Ex-Familie, die mir letztendlich keine Vorteile gebracht hat, da zu dem Kind kein intensiver Bezug erwachsen ist.“

Sie sieht ihre Verantwortung dabei, klar, aber auch die der Eltern. „Der Vater ist mit dem Kind symbiotisch und zog schon früher keine Grenzen. Wenn es da ist, hat es Vorrang. Auch hinsichtlich der abendlichen Nachtruhe gab und gibt es keine Abgrenzung. Wenn ich mich rauszog, warf er mir (früher) vor, dass ich mich emotional distanziere, wenn ich sagte, was mir nicht gefiel, erhielt ich kein Verständnis. Für mich ist das Patchworkprojekt zumindest hinsichtlich des Zusammenlebens und gemeinsamen Urlaubs gescheitert.

Als Stiefmutter hat man keine Lobby

Vielleicht ist das nun eine Chance, vielleicht der Beginn einer Trennung. Was mich sehr stört ist, dass man als Stiefelternteil keine Lobby hat. „Du hast es doch gewusst, auf was du dich einlässt“ oder „du kannst nicht ihn/sie lieben und sein/ihr Kind nicht“ waren -auch von mir früher gebrachte-Totschlagargumente, die mich in dieser Beziehung dazu gebracht haben, schamerfüllt diese Gefühle runterzuschlucken. Bis mir ein Psychologe sagte, dass es viele Frauen, ja, gerade Frauen!, gibt, die bzgl. ihrer Stiefkinder so empfinden.

Das war der erste Schritt zur Akzeptanz, der erste Schritt zum „Nicht mehr Hinunterschlucken“. Einfach ist es trotzdem nicht. Aber ich weiß, ich bin nicht allein. Es gibt auch andere. Die Ex, also die Kindsmutter, muss gar keine blöden Verhaltensweisen an den Tag legen, damit man diese Gefühle entwickelt. Die ganze Konstellation ist einfach schwierig. Entweder man schafft es oder nicht. Wir schaffen es vielleicht unter geänderten Bedingungen, mit mehr Abstand. Vielleicht auch nicht, aber es ist eine Chance“.

Was denken Sie? Bitte E-Mail mit Stichwort „Patchworkregel“ an: Stiefmutterblog@gmail.com oder einfach einen Kommentar hinterlassen.
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2 Kommentare

  1. Dorothée sagt

    Herzlichen Dank für diesen Beitrag, der mich so sehr entlastet. Mein Erleben ist dem von Rena sehr nahe. Auch ich zweifelte im Übrigen an der Zulänglichkeit meines Charakters, bzw. man förderte implizit diese Zweifel.
    Ich bin nun den ganzen Abend am Stöbern im Blog. Danke hierfür!
    Dorothée

    • Susanne Petermann sagt

      Liebe Dorothée,
      bitte nicht am eigenen Charakter zweifeln. Patchwork ist nun mal eine komplizierte Konstellation in der es oft an die eigene Substanz geht – bei allen Beteiligten. Stiefmutter sein ist eben nichts für Feiglinge 🙂
      Susanne

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