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Ein Witwer mit zwei Kindern und die blinde Stiefmutter

Pettersson im Sessellift

Ingrid führt schon lange ein Leben unter erschwerten Bedingungen, sie ist seit fast 30 Jahren wegen einer Netzhauterkrankung blind. Sie ist eigenständig, lebt ein relativ „normales“ Leben, bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente und engagiert sich für das Thema Barrierefreiheit. Ingrid hat aus erster Ehe zwei erwachsene Söhne, kommt aus der Rüdesheimer Gegend. lebte aber lange im Norden Deutschlands. Dort lernte sie auch ihre zweite Familie kennen. Einen Witwer mit zwei Kindern.

Ihre Stiefkinder waren 11 und 7 Jahre alt, als deren Mutter durch einen Autounfall starb. Die Mutter selbst saß am Steuer. Beide Kinder und der Vater waren bei dem Unglück ebenfalls im Auto, überlebten aber. Die Kinder erlitten schwere Verletzungen, der Vater, der auf dem Beifahrersitz gesessen hatte,  blieb wie durch ein Wunder so gut wie unverletzt. Die Kinder waren mehrere Wochen in der Kinderklinik und anschließend in der Reha, der Vater war in dieser Zeit bei ihnen. Ingrid wohnte damals in der Nähe der Rehaklinik. „Da ich mit der Familie befreundet war, besuchte ich die Kinder mehrmals in der Klinik und auch in der Reha. Als das Mädchen wieder zur Schule ging, war sie oft bei mir, machte ihre Schularbeiten bei mir und spielte vor allem gern mit meinem Blindenhund. Mit ihr und ihrem Vater besuchte ich gemeinsam ihren Bruder in der Reha, wo wir unter anderem einmal bei sonnigem Frostwetter ein Picknick im Freien veranstalteten, damit Pettersson, mein Hund, dem der Zutritt zur Klinik verweigert wurde, dabei sein konnte“.

Ingrid gab den Kindern, die ja nun Halbwaisen waren, und dem Witwer Kraft. Sie hatte ihr Augenlicht verloren und wusste, wie es sich anfühlt, wenn man sich in seiner eigenen, eigentlich bekannten Welt, wieder ganz neu ordnen und orientieren muss. „Wir waren fröhlich, wenn wir zusammen waren.“ Und so entwickelte sich eine Zuneigung zwischen Ingrid und der Familie. „Bei so viel fröhlichen Gemeinsamkeiten und netten Zusammenkünften ergab es sich auf sehr innige Weise, dass – von den Kindern regelrecht forciert – mein Mann und ich uns ineinander verliebten“. Ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter und Ehefrau waren sie ein Paar, 16 Monate danach verheiratet. „Damit begann für uns vier ein sehr harmonisches und beglückendes, aber auch von außen sehr bekämpftes Familienleben.“

Man hätte denken sollen, dass sich die anderen Menschen freuen, dass hier ein Witwer und seine Kinder wieder eine Frau gefunden haben, die sich alle gut verstehen. Aber so war es nicht. „Die Mutter, die Tante und die Cousine der verstorbenen Mutter der Kinder ließen keine Gelegenheit aus, gegen mich zu „stänkern“. Ihnen war es mit unserer neuen Familienkonstellation in ihrer Trauer zu schnell gegangen.“ Ingrid konnte das auf der einen Seite sogar verstehen, fand aber die Art und Weise, wie sie dies über ihre Behinderung  auslebten, einfach nur schlimm und entwürdigend.

„Es war nämlich meine Blindheit, an der sie Anstoß nahmen und dies auf eine Weise, wie ich es mir selbst nie hätte ausmalen können. Anstatt dass sie froh gewesen wären, dass ich aufgrund meiner Erwerbsunfähigkeitsrente immer für die Kinder da war, Zeit für sie und ihre Probleme hatte, den Haushalt versorgte und mich von Anfang an um alles kümmerte, setzten sie demütigende Lügen über mich in die Welt. Dabei stachelten sie sich gegenseitig noch an. Ich möchte ihre Lügen und Verleumdungen gar nicht alle aufzählen, da dies in mir auch nur wieder die heftige Trauer und Wut und Hilflosigkeit von damals hervorrufen würde.“

Eine Sache allerdings erzählt sie, weil es sie damals geradezu sprachlos machte. „Die Tante und die Cousine der Mutter wollten zur Oma fahren, die 250 Kilometer entfernt wohnte. Sie wollten die beiden Kinder mitnehmen. Theoretisch kein Problem, aber es passte aus organisatorischen Gründen an diesem Wochenende einfach gar nicht. Wir haben einiges versucht, aber es war nicht zu ändern. Also mussten wir für die Kinder absagen. Aus Ärger über die ausgeschlagene Fahrt mit den beiden Kindern, setzte die Cousine in die Welt, die Kinder dürften nicht wegfahren, da sie ihre blinde Stiefmutter betreuen müssten. Beide Kinder lachten zwar, als sie davon hörten, mich verletzte diese bösartige Unterstellung aber sehr.“

Das Verhältnis zur entfernt lebenden mütterlichen Oma entspannte sich später etwas, zur Cousine und Tante herrschte aber weiterhin ein sehr gespanntes Verhältnis. „Sie ließen eigentlich keine Gelegenheit aus, mich, gerade bei der Tochter auf oft sehr subtile Art, in irgendeiner Art zu kritisieren.“

Da es von Seiten der verstorbenen Mutter keine andere  Verwandtschaft gab, wollten Ingrid und ihr Mann den Kontakt trotz dieser Schwierigkeiten nicht unterbinden. „Die Tochter war damals schon 13 Jahre alt und erkannte irgendwann zwar selbst die Sticheleien und subtilen Angriffe. Sie versuchte, sich immer mehr aus diesem Einfluss heraus zu nehmen oder reagierte bereits mit Widerspruch“. Aber die Zweifel nagten unterschwellig an den Kindern.

„Es war teilweise sehr schlimm, was sich da abspielte, zumal die Cousine nicht mit sich darüber reden ließ. Sie beantwortete meine Briefe nicht, in denen ich sie um eine Aussprache bat, und reagiert auf Telefonate abweisend und verleugnend.“ Ingrid war ratlos, wie sie mit den Anfeindungen umgehen sollte.

„Wir versuchten trotzdem eine glückliche, fröhliche Familie zu sein. Die Kinder entwickelten sich ganz prima. Sie waren gesund und hatten die Unfallfolgen körperlich und seelisch sehr gut überstanden. Der Sohn hatte eine Lehrstelle  und die Tochter besuchte erfolgreich das Gymnasium. Krisen, wie die Arbeitslosigkeit meines Mannes bewältigen wir gemeinsam. Er machte eine Umschulung zum Ergotherapeuten und die Kinder fanden es witzig, dass ihr Vater noch mal die Schulbank drückte.“

Aber Krisen bewältigen und sich gegen Anfeindungen von außen wehren zehrt an der Substanz. „Nachdem ich die beiden großgezogen hatte, erfüllte ich meinem Mann den Lebenswunsch, einen alten Bauernhof zu sanieren. Das war zu viel. Leider hat unsere Geschichte kein Happy End. Mein Mann und ich sind seit drei Jahren geschieden. Ich wohne wieder in der alten Heimat bei Rüdesheim.

Pettersson im Sessellift

Pettersson im Sessellift

Am ersten Tag fuhr ich mit Pettersson, meinem Hund, im Sessellift und fühlte mich daheim. Wir sind aus der Familie raus, haben aber dennoch den Himmel über uns und lassen uns nicht hängen, außer im Sessellift. Es gibt keinen Kontakt mehr zur Stieftochter, zum Sohn sowieso schon länger nicht. Nachdem ich die beiden großgezogen hatte und meinem Mann in allen Lebenslagen unterstützt hatte, ging die Ehe den Bach runter und ich war sehr bald nur noch die sprichwörtlich „böse“ Stiefmutter. Oma, Tante und Cousine hatten gewonnen.

Ich hätte es mir anders gewünscht, vor allem hätte ich gehofft, auch nach einer Trennung den Kontakt zu den Kindern halten zu können, aber leider hat das nicht geklappt. Aber ich klage nicht. Ich habe einen neuen Mann kennen gelernt. Er unterstützt mich sehr, auch mit meiner Initiative für Barrierefreiheit. Die Zeit als Stiefmutter ist für mich Vergangenheit.

3 Kommentare

  1. Christine1969 sagt

    Liebe Ingrid, auch ich ziehe meinen Hut vor Dir und freue mich, dass Du einen neuen Partner kennengelernt hast, der Dich hoffentlich besser wertschätzt.
    Auch ich habe einen Witwer mit drei Kindern geheiratet, wobei zwei Kinder nicht seine leiblichen Kinder, sondern die seiner verstorbenen Frau sind. Die Ex-Schwiegereltern und Geschwister der verstorbenen Frau intrigieren auch, wo sie nur können. Mein Fazit: auch wenn ich meinen Mann sehr liebe … aber niemals wieder einen Witwer. Diese Form von Patchwork ist für mich zu viel.
    Alles Gute und herzliche Grüße
    Christine

  2. Pingback: Eine verstorbene Mutter wirft lange Schatten - Der Stiefmutter Blog

  3. Steffi sagt

    Liebe Ingrid! Ich ziehe den Hut vor dir und danke für den Einblick in dein Leben! Gut, dass du nun einen neuen Mann kennen gelernt hast!
    Ich habe ebenfalls einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern, doch das ist alles andere als einfacher… Auch sein Vater, Geschwister und einige Freunde lehnen mich ab, da doch die Frau noch nicht lange verstorben war und ich etwas jünger bin. Aber wir lieben uns sehr und trotzen allen negativen Einflüssen.
    Alles Gute und viele Grüße
    Steffi

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