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Der entsorgte Vater

Verena und ihre Geschwister

Wie fühlt es sich für einen Mann an, als Vater entsorgt zu werden? Wie schafft er es, eine Beziehung zu einer neuen Frau aufzubauen? Soll er mit dieser zweiten Frau Kinder in die Welt setzen? Wie kann er verhindern, dass er eines Tages wieder ohne Familie da steht? Diese Fragen stelle ich mir seit geraumer Zeit. Und ich freue mich, dass mir Eric Benedict, ein entsorgter Vater mit zweiter Familie, seine Sicht der Dinge schildert.

Das Ende zwischen uns kam unerwartet, leise und kurz…

Das Ende einer sechs Jahren dauernden Beziehung, in der wir Eltern einer süßen Tochter mit Namen Verena wurden. Ein halbes Jahr nach der Geburt spürte ich Veränderungen bei der Mutter, meiner damaligen Partnerin. Sie war schnell genervt, traf sich immer mehr mit Alleinerziehenden aus Nachbarschaft und Bekanntenkreis, schob den zugesagten Termin zur Beurkundung des gemeinsamen Sorgerechts aus unerfindlichen Gründen vor sich her, unsere Gespräche wurden dünner und bekamen Leerstellen. Ich schob es auf Stress-Symptome, auf die übliche Zeit der Umstellung und Anpassung nach Ankunft eines Kindes. Ich versuchte, sie zu entlasten. Verena war oft allein bei mir, während die Mutter ihre Ausbildung beendete. Sie wirkte immer gespannter und immer einsilbiger.

Das Ende wird mir von ihr mitgeteilt als längst bestehende Tatsache. Keine weiteren Erklärungen werden gegeben, ich sollte einfach gehen. Eine laute Szene wäre mir viel lieber gewesen, das hätte vielleicht mehr erklärt. Auch später bleibt ihre Wortlosigkeit bestehen. Ich gehe, wie von mir verlangt wird, fühle mich dabei als guillotinierter Kopf, der in Zeitlupe hinab in den Korb fällt, der Rest des Körpers wandert in einen geschlossenen Sarg. Dieser andere abgetrennte Teil von mir ist nicht sie, sondern Verena, zu der der Abstand plötzlich schmerzvoll wächst.

Das Ende meiner gelebten Vaterschaft folgte auch sehr bald. Plötzlich waren die Mutter und damit Verena nicht mehr für mich erreichbar, ich stand vor verschlossener Tür statt das Kind einmal in der Woche für einen Nachmittag holen zu können. Das Tuten am Telefon, die Stille nach dem Klingeln, das Nichtklappern des Briefkastens wenn der Postbote vorbeiging, es war eine Totenstille für mich. In dieser Zeit durchlebte ich extreme Gefühle und änderte mein Leben so grundlegend, wie noch nie zuvor. Überlegte, ob ich überhaupt noch versuchen sollte, Kontakt zum Kind herzustellen. Vater ohne Trauschein, kein Sorgerecht, die Mutter blockierte einfach wortlos, das war eine denkbar schlechte Ausgangssituation. Ich weinte still, wenn ich fremde Kleinkinder auf der Strasse sah. Unterhaltsforderungen, vertreten durch eine Jugendamtsbeistandschaft ließen nicht auf sich warten. Sie überstiegen meine wirtschaftlichen Möglichkeit bei weitem, ich war schnell am Ende. Es war irgendwie egal. So vieles ging zu Ende, ohne dass ich das kleinste Fitzelchen daran ändern konnte.

Stundenlang sprach ich mit vielen Leuten, versuchte zu verstehen und weiterzukommen. In der Verwandtschaft gab es wenig Verständnis. Ich hätte halt Pech gehabt und sei im übrigen sicher selber mit schuld an der jetzigen Situation. Auch eine Freundin hörte mir zu. Sie war einfach für mich da. Gleitend wuchs aus dem Ende ein Anfang heraus, wir wurden ein Paar.

Unsere Nähe wurde trotz meiner Beziehungsangst als “gebranntes Kind” immer grösser. Irgendwann frage ich mich, ob man eine zweite Familie nur deshalb ablehnen sollte, weil es vorher schief gelaufen war. Entsorgter Vater und unterhaltspflichtig war ich ohnehin bereits unumstößlich. Wir sprachen über unsere Ängste, Wünsche und Liebe. Zuversicht und Lebensoffenheit siegten. Schliesslich wurde sie schwanger mit unserem ersten gemeinsamen Kind.

Es war ein zweischneidiges Gefühl. Ein Kind zu erwarten und gleichzeitig daran zu denken, schon einmal eine Tochter in den Armen gehalten zu haben, die nun abgeschirmt wurde und für die ich zum entbehrlichen Nichtsorgeberechtigten geworden war, der vor Gericht ziehen musste, wenn er die Chance haben wollte, sie überhaupt wieder zu sehen.

Ich sah Verena erst wieder, als sie bereits in den Kindergarten ging. Nach einem Gerichtsverfahren, in dem so gut wie alles unternommen wurde, um dieses Wiedersehen zu verzögern. Der Richter beschloss schliesslich betreuten Umgang, weil das Kind mich nicht mehr kannte. Monate später lernte auch meine Partnerin Verena kennen – mittlerweile war unser gemeinsames Kind auf der Welt.

Konflikte zwischen uns gab es wegen ihrer „Stiefmutter“ Situation nicht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ihr von der ersten Sekunde an klar war, wie meine Situation aussah. Ich hatte nichts verborgen, sie wusste mit allen Konsequenzen, was sie mit mir bekam und wo sie stehen würde, wenn wir eine Familie gründen. Diese Offenheit halte ich für essentiell für das Gelingen einer neuen Partnerschaft trotz “Altlasten”.

Auch das Leben meiner Freundin hatte sich durch meine Situation stark verändert. Sie war Hauptverdienerin, ich Nebenverdiener. Bis zur Trennung von der Mutter Verenas war ich berufstätig, doch die psychische Belastung und typische Stresskrankheiten im Zuge der Trennung hatten das beendet. Wer seine Kinder wirklich aufziehen will, kann einen so stressigen Job wie ich ihn hatte sowieso nicht ausüben. Und wer einmal draussen war, hat grosse Schwierigkeiten wieder in den Beruf zurück zu kommen.

Aus meiner Zeit mit dem ersten Baby hatte ich einiges gelernt und so war ich meist für unser Kind da, fütterte es mit abgepumpter Muttermilch, ging zum Kinderarzt und zur Krabbelgruppe. Ich wollte nichts überkompensieren. Also nicht deswegen besonders innig fürs zweite Kind da sein, weil Verena weg war. Ich war einfach da, weil es schön war und für Kind und Familie der beste Weg.

Verena und ihre Geschwister

Verena (re.) und ihre Geschwister. Foto: Eric Benedikt

Später durfte Verena stundenweise zu uns. Die beiden Töchter verstanden sich sehr gut, wir waren in diesen Momenten Familie ohne Trennlinien. Meine Partnerin behandelt die Kinder gleich, versucht aber auch für sich selbst eine gewisse emotionale Distanz zum Stiefkind zu halten. Sie fürchtete auch, negative Reaktionen zu provozieren, wenn sie zu sichtbar würde. Zum Kontakt zwischen den Frauen kam es nicht, die Ex blieb unsichtbar, auch mir gegenüber. Es blieb bei seltenen, knappen und wenig verständlichen E-Mails, oder über eine Jugendamtsperson. Meine grösste Sorge war, dass Verenas Mutter einfach wieder alles abdrehen würde.

Meine Freundin und ich bekamen noch zwei Kinder, Junge und Mädchen. Schon vor der Geburt beurkundeten wir die gemeinsame Sorge. Der Einfluss der Vergangenheit war insofern immer vorhanden, für alle von uns. Wenn mich wieder etwas im Zusammenhang mit Verena umtrieb, spürte es meine Freundin sofort. Sie und ich blieben auf Abstand gegenüber staatlichen Regelungen, führen zwar eine klasse Beziehung, heiraten aber nicht. Den Staat wollen wir mit seinen Regeln und Vorschriften so wenig wie möglich einlassen, auch nicht für das billige Zuckerbrot, das er bei einer Eheschliessung scheinheilig anbietet. Manche Schatten sind sehr lange oder weichen überhaupt nicht.

Finanziell laufen unsere Einnahmen auf das Konto meiner Freundin. Ich bin absichtlich nicht Mitinhaber des Kontos, aber bevollmächtigt. Daraus bestreiten wir die Ausgaben. Wir rechnen nicht hin und her, unsere Ausgabenmentalität ist ohnehin ähnlich. Von diesem Geld wird auch der Unterhalt bestritten – meine Freundin finanziert also indirekt Verena mit. Ich bezahle aber weniger als das Jugendamt fordert und eingeklagt hat, Schulden laufen auf. Bei jedem Kontakt mit dem Jugendamt biete ich an, das Kind mitzubetreuen, was finanziell entlastend für die Mutter sein würde. Klar, dass das niemand interessiert.

Ein Happy-End gibt es leider nicht. Verena kommt zur Zeit nicht mehr. Nach mehreren Gerichtsverfahren und den üblichen Erfahrungen als Trennungsvater in Deutschland beschloß ich, die Tür für sie wie bisher immer offen zu halten, aber den frustrierenden Kampf nicht mehr mit Gerichten oder Jugendamt zu führen. Am härtesten ist das für die Halbgeschwister, die nicht verstehen warum Verena weg ist. Auch diese Entscheidung haben meine Partnerin und ich gemeinsam getroffen und werden sie gemeinsam tragen, so, wie wir Entscheidungen für unsere gemeinsamen Kinder treffen. Der Unterschied zwischen Stiefmutter und Mutter ist nicht so gross wie er aussehen mag – letztlich steht das Mensch sein über den feineren Unterschieden der verschiedenen Beziehungen untereinander.

Grüsse,

Eric, ein vierfacher Vater

Wer sich mit Eric Benedikt, dem Autor dieses Gastbeitrages in Verbindung setzen will, kann ihn unter wellenkreis@arcor.de erreichen.

Wie immer freue ich mich über Input und Austausch.

16 Kommentare

  1. Oh…..
    noch eine weitere Variante kann ich anbieten
    Mein Mann wurde von Großeltern der Kindsmutter als „Rechtradikaler“ dargestellt.
    Warum?
    Na wer ein original oliv grünes ehemaliges Bundeswehrauto als Oldtimer fährt ist halt Rechtsradikal…………..
    Sie hatten Erfolg damit…..
    Die andere Geschichte des Entsorgten Vaters folgt
    LG Berit

    • Susanne Petermann sagt

      Wie bitte? EIn Richter stuft jemanden wegen seines Autos als rechtsradikal ein? Bin gespannt auf die Geschichte

  2. Auch ich kenne die Trennung. Bei mir waren es 20 Jahre und vier Kinder. Die Entfremdung, das Verschwinden der Frau, die ich gekannt hatte. Alles das waren auch Gründe für die Trennung. Aber in diesem Fall habe ich micht getrennt.
    Weder meine Frau noch ich haben jedoch den anderen vor den Kindern schlecht gemacht oder versucht, die Kinder von einem Elternkind zu entfremden. Das rechne ich meiner Frau hoch an. Viele Menschen haben sich positiv erstaunt geäußert, wie wenig wir unseren Trennung nutzen, um Negatives über den Anderen zu sagen.
    Für mich war unser Verhalten eigentlich selbstverständlich. Wer seine Kinder liebt, und das unterstelle ich allen Vätern und Müttern, kann doch nicht seine Kinder dazu benutzen, sich am Partner zu rächen. Wenn erst mal Richter und Jugendamt eingeschaltet werden, ist der Schaden beim Kind doch schon angerechnet.
    Wieso benutzen Menschen so oft diejenigen, die nichts dafür können, als Instrumente ihrer kleingeistigen Rache?

  3. Ich bin in der Situation… Vater von 2 tollen Kindern und lebe seit 2 Jahren von der Mutter getrennt.Das Nach 10 Jahren Ehe. Ich sehe die Kinder zwar regelmäßig und von dem her ist das sehr gut.
    Aber ich weiß ehrlich gesagt auch nicht wie das weiter gehen wird bei mir. Neue Beziehung? Geht doch gar nicht? Wieder Kinder ? Auch eher nicht mehr möglich finanziell?

    Naja Hauptsache ich habe die Kinder die ich sehen kann. Das bringt mir Freunde und vielleicht brauche ich auch nicht mehr in meinem Leben?

    • Dan, ich denke ja immer, ein guter Partner ist ein sehr wichtiger Grundpfeiler im Leben. Klar kommt man allein klar, natürlich „braucht“ man keinen anderen Menschen. Aber wenn ich einen Partner habe, der meine Eigenarten mag, meine Vorteile sieht und meine Nachteile mit Humor nehmen kann, läuft alles im Leben besser. Außerdem ist es nie gut, seine Kinder als „Partnerersatz“ zu missbrauchen. Weder für Mütter noch für Väter. Geschweige denn für Stiefmütter, die diesen Schlamassel dann ausbaden müssen. Liebe Grüße, Susanne

  4. Pingback: Wie soll das gehen ? Familienrecht u. Politik haben versagt, oder ? | Familie & Familienrecht

  5. corina sagt

    Der Artikel spricht uns aus dem Herzen. Die Tochter meines Mannes wächst bei der Mutter auf…im Namen des Volkes. …es wurde so endschieden. Angebliche entführt. ..vom sorgeberechtigten Vater welcher schlägt und trinkt….die Aussagen der Mutter. …welche mit dem kind 300 km weg gezogen ist. …als Vater hat man da keine Chance mehr. Umgang so gut wie nicht möglich…wir haben den Kontakt eingestellt. …Unterhalt wird gezahlt. ..leider wird das geld die gesamte Familie mit finanziert….dank hartz 4….ein sehr unbefriedigendes Gefühl. Es kommt halt nicht so für das Mädchen an….

    • Corinna, ich kenne diese Situation. So viele Stiefmütter haben mir das gleiche erzählt. Ich kann nicht glauben, dass es so viel gewalttätige Alkoholiker unter Deutschlands Vätern gibt, wie es vor deutschen Gerichten behauptet wird. D.h. nicht, dass ich einer Frau nicht glauben würde, dass Sie manchmal an einen schlechten Kerl gerät, aber es ist schon erstaunlich, wie viele Väter, auch die mit denen man zwei oder drei Kinder bekommen hat, bei einer Trennung plötzlich als gewalttätige, gefährliche Menschen dargestellt werden, wenn es um den Kampf ums Sorgerecht geht.

    • Die Vorwürfe sind austauschbar. Man kann sie einfach reihum vom Stapel lassen, irgendwas wird schon ziehen. Und wenn nichts zieht, ist es fürs Familiengericht immer noch der Beweis, dass die Eltern heillos zerstritten sind, deswegen gemeinsames Sorgerecht oder durchgesetzter Umgang nicht dem Kindeswohl entsprechen können.

      Der Alkoholikervorwurf kommt immer recht früh. Ein einfach zu formulierender Satz, so dahingesagt und der Vater hüpft und springt. Er kann sich an Hausarzt und Testlabor wenden, wo für viel Geld Haarproben (die Krankenkasse zahlt das natürlich nicht) analysiert werden, so dass für die letzten drei Monate der Alkoholkonsum nachweisbar wird. Konsequenzen aus einem widerlegten Vorwurf gibt es nie, Richter und Jugendamt sagen „hätte ja sein können“, „wir wollen nur das Beste fürs Kind und nicht die Mutter für Vermutungen der Vergangenheit bestrafen“.

      Der Prügelvorwurf gehört sicher auch in die Top 3. Der wird auch gerne je nach Kindesalter über das manipulierte Kind plaziert. Mir ist ein Vater bekannt, dem eine Aufnahme vom sechsjährigen Kind von der Verfahrenspflegerin vorgespielt wurde, in dem es von Schlägen des Vaters spricht. Es kommt zu betreutem Umgang. Das Kind umarmt beim ersten Termin den Vater, will ihn nicht loslassen. Vorsichtig nach den Prügeln gefragt (immer unter Aufsicht), heult es und sagt, es habe sich versprochen.

      Voraus ging eine gerichtliche Auseinandersetzung, in der Vater, getrennt seit Jahren, endlich eine Übernachtung einforderte, die ihm bisher strikt von der Mutter verweigert wurde. Und so wurde aus einem jahrelang unbeanstandeten Umgangsvater mit dem Tag des Gerichtsantrages ein Prügelmonster, der Umgang auf betreuten Umgang reduziert, ein Gutachten in Auftrag gegeben, die Verfahrenspflegerin eingesetzt, die selber nachweislich mitmanipuliert, dem Vater rät er solle dem Kind sagen, dass er es „nicht mehr schlagen würde“. Perfide. Der Vater sollte mal den Richter fragen, wann er aufgehört habe, seine Frau zu schlagen, da würde er was zu hören bekommen. Auch dieser Vater steht kurz vor dem Aufgeben, innerlich hat er schon aufgegeben.

      Das kann auch manchmal Müttern passieren, deren Kinder beim Vater geblieben sind. Naturgemäss viel seltener, weil die Ausgangssituation viel seltener ist, aber der kaputte Mechanismus, mit dem Helfer und Gerichte reagieren, ist derselbe.

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