Die Stiefmütter, Partnerschaft & Zweite Familie
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Die Halbtags-Stiefmutter

Eine Stiefmutter fehlt in meiner Aufstellung noch: Die Halbtags-Vizemutter. Sie ist der Hipster unter den Patchworkern, lebt das moderne Wechselmodel – ihr Stiefkind ist eine Woche bei Mama, eine Woche bei Papa.

 

Das Wechselmodell gilt heute, vor allem bei Vätern, als die Lösung aller Patchworkprobleme. Sie haben viel Kontakt zum Kind, Unterhaltskosten werden relativ gerecht verteilt, die Übermachtstellung der Mutter, über die viele Männer klagen, relativiert sich. Auch für das Kind scheint es ideal zu sein. Es hat ein Zuhause bei beiden Eltern, wird von beiden gleichermaßen betreut.

Soweit die schöne heile Welt. Aber wie sieht die Realität aus? Vor allem – wie stellt sie sich aus der Sicht der Stiefmutter dar. Die allgemeine Stiefmutter-Faustregel gilt eigentlich auch hier: Je länger Papa das jeweilige Modell bereits alleine mit seinen Kindern durchzieht und je älter die Kinder sind, desto größer ist die „Herausforderung“, um mal im politisch-korrekten Hipster-Slang zu bleiben, für die neue Frau. Im Klartext – das wird schwieriger.

Sind alle Regeln zwischen Kindern und Papa bereits aufgestellt, bleibt ihr oft nur noch das „Friss oder stirb“ Prinzip. Und wir alle wissen: Gerade Teenager können hemmungslos sein, wenn sie ihre Abneigung gegen neue Regeln oder Anforderungen kundtun möchten. Eine Neu-Vizemutter sollte in dieser Situation viel Diplomatie und Geduld aufbringen und zudem unerschrocken und mutig sein. Aber das gilt ja generell für Frauen, die sich in einen Mann mit Kind verlieben. Wo liegen also die Vorteile und wo die Fallen für die Halbtags-Vizemütter?

Fangen wir mit den positiven Seiten an. Väter, die ihre Kinder genauso viel betreuen wie die Mütter, sind seltener reine Verwöhn-Daddys. Das heißt, die Halbtags-Stiefmutter hat es in der Regel mit einem Mann zu tun, der seinen Kindern auch Ansagen macht, statt ihnen alles durchgehen zu lassen. Der „ja-sagen“ nicht damit verwechselt, ein guter Vater zu sein. Auch die Kostenaufteilung unter den Eltern ist oft gerechter. Ich sage bewusst oft, da die deutsche Rechtsprechung das Wechselmodell meist nur dann anerkennt, wenn es sich um eine genaue Aufteilung 50-50 handelt. Schon wenn die Kinder „nur“ 49% der Zeit beim Vater, und 51% bei der Mutter sind, kann es bedeuten, dass ein Richter das nicht als Wechselmodell wertet und der Vater trotzdem vollen Unterhalt an die Mutter zahlen muss.

Gerichte in Deutschland urteilen hier äußerst unterschiedlich. Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es auch anders geht: In Belgien beispielsweise werden die Unterhaltskosten beim Wechselmodel nach der Aufenthaltsdauer berechnet. Ist das Kind 40% beim Vater und 60% bei der Mutter, zahlt er 60% der Unterhaltskosten und die Mutter 40%.

Aber bleiben wir bei den positiven Seiten. Der Kontakt zur Mutter ist im Wechselmodell in der Regel besser als bei Wochenend-Vizemüttern. Während diese ihr Verhältnis zu Ex oft als „Fremdbestimmung“ wahrnehmen, in dem es Anordnungen statt Austausch gibt, haben Halbtags-Vizemütter oft eine zumindest höfliche Kommunikation mit der Mutter. Der Grund dafür ist offensichtlich: Hochstrittige Ex-Paare schaffen es selten, sich auf eine fifty-fifty-Regelung zu einigen.

Aber natürlich gibt es auch problematische Punkte. Hat eine Halbtags-Stiefmutter noch keine eigenen Kinder, wird ihr Leben jede zweite Woche durch ihr Besuchskind komplett auf den Kopf gestellt. Das muss sie mögen, sonst sieht die Beziehungsprognose eher düster aus. Hat sie bereits Kinder, oder kommen irgendwann Kinder in der Beziehung, kann es Schwierigkeiten bei allzu unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen geben.

Ist der Vizemutter höfliches Benehmen, wie zum Beispiel Tischmanieren, oder „Bitte“ und „Danke“ sagen wichtig, der Mutter dagegen nicht (oder umgekehrt), ist die eine ein Anhänger der Waldorf-Idee, die andere dagegen Großmeisterin bei WOW, lässt die eine ihre Kinder alles selbst entscheiden, während die andere klare Gemeinschaftsregeln aufstellt, wird es immer wieder Probleme geben. Nicht zuletzt mit den eigenen Kindern. Die Spannung, die hinter Sätzen wie „Mama, warum muss ich das machen und der nicht?“ bzw. „Warum darf der das und ich nicht“ steckt, sollte nicht unterschätzt werden.

Einige Halbtags-Vizemütter klagen auch über die Ungleichbehandlung der Kinder durch den Vater – das haben sie übrigens mit Wochenend-Stiefmüttern gemeinsam. Während die gemeinsamen Kinder auch zusammen erzogen werden, mit gemeinsam abgesprochenen Regeln und auch Strafen – gibt es für die Besuchskinder dann Extrawürste seitens des Vaters. Oder Papa entwickelt sich zum Chauffeur und Butler der Kinder aus seiner ersten Familie, da die nicht ordentlich packen können (oder wollen) und die Mutter auch keine Lust hat, dabei zu helfen. Dann muss der Turnbeutel geholt, das Mathebuch gebracht oder der zweite Schuh gesucht werden. Jeden Tag aufs Neue. Mit Pech immer nur vom Vater, nie von der Mutter; selbst in der Woche, in der die Kinder bei der Mutter sind.

Schwierig wird es auch, wenn ein Kind mit dem ständigen Ortswechsel eigentlich schlecht zurechtkommt, beide Eltern aber aus Gerechtigkeitsgründen daran festhalten wollen. Nicht selten übrigens über eine Entfernung von 20 bis 30 Kilometern. Für Erwachsene ein Klacks, für Kinder dagegen eine halbe Weltreise. Eine Halbtags-Vizemutter, die sieht, dass ihr Besuchskind unter dem ständigen Wechsel leidet, und eher ein festes Zuhause brauchen würde, hat oft schlechte Chancen, mit ihrem Mann über das Problem zu sprechen. Vor allem dann, wenn sie vermutet, dass das Kind mit Hauptwohnsitz bei der Mutter besser aufgehoben wäre. Wahlweise wird ihr dann mangelnde Solidarität (bei seiner Ex kann niemand besser aufgehoben sein), fehlende Liebe (ihr wird unterstellt, aus egoistischen Motiven das Kind „entsorgen“ zu wollen) oder Unverständnis für seine Situation (schließlich hat er oft lange für das Wechselmodell gekämpft) vorgeworfen.

Morgen werde ich hier die Geschichte einer erwachsenen Frau erzählen, die vor 40 Jahren als Wechselmodell-Kind in zwei Städten lebte. Und die Geschichte einer Stiefmutter, die heute ein Besuchskind hat, welches in einer anderen Stadt lebt. Was Eltern als gerechtes Idealmodel sehen, muss für Kinder und Vizemütter nicht immer ideal sein

Wie immer gilt auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel! Und ich freue mich über Input.

6 Kommentare

  1. Susa sagt

    Danke für diesen Beitrag. Auch ich bin froh, dieses Forum gefunden zu haben. Meistens lese ich immer nur von Frauen, deren Stiefkinder alle 14 Tage am Wochenende kommen. Ich allerdings lebe seit 2,5 Jahren mit meinem Partner und seinen beiden Töchtern im Wechselmodell und es ist sehr schwer. Mit ihm kann ich darüber nicht wirklich reden, da er dann oftmals gleich genervt reagiert oder es einfach nicht versteht. Die Mädels sind 13 und 15 und mitten in der Pubertät. Ich werde zwar als neue Frau an Papas Seite akzeptiert aber komme mir nur wie eine Mitbewohnerin vor… Grundsätzlich verstehen wir uns soweit gut und ich mag die beiden auch! Ich selber bin 38 Jahre und habe keine eigenen Kinder. Und plötzlich fand ich mich in dieser neuen Situation vor. Ich habe auch das Gefühl, dass mich keiner aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis, der in so einer Situation selber steckt, wirklich versteht. Immer kommen nur Sätze wie: Du hast doch gewusst auf was du dich einlässt. Oder: Hab Geduld, die Kinder werden irgendwann auch mal groß und aus dem Haus sein……
    Jede 2. Woche hab ich ein „fremdbestimmtes“ Leben und NEIN, ich wusste nicht auf was ich mich einlasse. Ich wusste natürlich, dass mein Freund 2 Töchter hat und sie das halbe Jahr bei uns sein werden. Aber ich wusste nicht, wie schwer es für mich sein wird. Oftmals bin ich einfach nur traurig und überfordert, genervt und gestresst. Und ich freue mich jedesmal, wenn der Freitag kommt und sie Nachmittags wieder zu ihrer Mama gehen. Dann habe ich eine Woche kinderfrei, hab Zeit für Zweisamkeit mit meinem Freund und kann in meinem eigenen Haus wieder tun und lassen was ich möchte. Bis der nächste Freitag kommt.
    Oftmals komme ich mir deswegen schon schlecht vor, weil ich denke, ich reagiere über und muss alles ein bisschen gelassener sehen. Aber das gelingt mir nicht so wirklich gut.
    Ich könnte jetzt noch Seitenweise über alles was dieses Modell mit sich bringt schreiben.
    Ich bin so froh, dass es diesen Blog gibt und ich nicht alleine mit meinen Sorgen und Gedanken bin.

  2. Ich habe meinen Mann vor 7 Jahren kennengelernt. Seine Tochter ist mittlerweile 10. Seit 4 Jahren leben wir ein echtes Wechselmodell. Unser gemeinsamer Sohn ist jetzt auch 4 und versteht sich prima mit seiner Schwester. Ich kann nur sagen, dass ich mich in den 4 Jahren Wechselmodell keinesfalls irgendwie daran gewöhnt habe. Einfach, weil es keine Entwicklung gibt. Nach 1 Woche Mama fangen wir immer wieder von vorn an mit den bereits von vielen erwähnten „kleinen Dingen“. Tischmanieren, Körperhygiene, Ordnung usw. Ich habe immer das Gefühl, die Bonustochter war 4 Wochen bei Mama und nur 1 bei uns. Kennt Ihr das auch? Und ja die kleinen Dinge bringen mich auf die Palme und ich freue mich seit 4 Jahren immer auf die kommende „freie“ Woche. Ich glaube auch nicht, dass sich das je ändern wird. Prinzipiell geht es mir im Vergleich zu vielen hier im Block wirklich gut: mein Mann ist (fast) immer auf meiner Seite, meine Schwiegereltern finden mich toll und mit meiner Bonustochter gibt es auch keine großartigen Probleme. Dennoch ist diese „Nicht-Entwicklung“ der gesamten Situation echt nervig. Es werden seit 4 Jahren alle Klischees erfüllt: Tochter kommt mit kaputten oder zu kleinen Klamotten an, wir kaufen neues Zeug, das wird mit zur Mutter genommen und ist „weg“, wir bringen 1 Woche lang bei, dass man sich die Ohren putzt und nicht am Tisch pupst usw, beim nächsten Besuch ist alles nichtig. Und das geht so seit Jahren und ändert sich nicht. Mein Fazit als Halbtagsstiefmutter: Oh ja, man brauch ganz viel Kraft und Mut und Ausdauer und starke Nerven und und und … und zwar für immer 🙂

    Vielen Dank für den tollen Block, der mich nicht allein sein lässt!

  3. Marieke sagt

    Liebe Frau Petermann,

    ja, ich bin eine Halbtags-Stiefmutter und meine Erfahrungen sind gemischt. Meinen Mann lernte ich kennen als seine Kinder noch kurz vor der Pubertät standen, mittlerweile sind sie mittendrin. Ich hatte damals selbst noch keine Kinder und habe mich mit großem Enthusiasmus in die Betreuung meiner Stiefkinder gestürzt. Das erste gemeinsame Jahr mit den Kindern war teilweise hart, zumal die Mutter der Kinder uns das Leben nicht einfach machte. Es hat mich sehr viel Kraft, Energie, Zeit und Mühe gekostet, mein Mann und ich haben viele Stunden mit Gesprächen über unsere Patchwork-Familie und das bessere Miteinander verbracht und ich habe etliche Erziehungsratgeber gelesen, um mich in meiner Rolle als Miterziehende einzufinden. Denn auch das ist man automatisch, wenn man im Wechselmodell unter einem Dach lebt. Wir haben mit den Kindern viele schöne und freudvolle Erlebnisse geteilt und ich habe durch sie vieles über Kinder gelernt, was ich so nicht hätte anders erfahren können. Beide Kinder haben mein Leben bereichert und ich habe einen wunderbaren Mann an meiner Seite, der sich sehr engagiert um seine Kinder kümmert und gleichzeitig versucht, mir auch ein guter Partner zu sein. Zumal ich ihn jetzt auch als liebevollen Vater unseres gemeinsamen Kindes erlebe.
    Dennoch kann ich keiner anderen Frau oder Mann, Ende zwanzig, noch ohne eigene Kinder so einen Weg empfehlen. Nie hätte ich dieses Ausmaß an Fremdbestimmung erwartet, kommen die Kinder zu uns, habe ich das Gefühl, dass die Mutter der Kinder mit einzieht, denn durch ihre ständigen Telefonanrufe ist sie dauerpräsent. Wir können uns nicht frei unterhalten, in unserer eigenen Wohnung, denn oftmals sind die Kinder die Nachrichtenboten der Mutter. Und ja, die Kinder freuen sich immer, wenn man sich um sie bemüht, schöne Sachen mit ihnen unternimmt, gemeinsam kocht etc., aber emotionales Feedback bekommen immer nur die leiblichen Eltern, man gibt sehr viel, aber es kommt sehr wenig zurück und man wird müde und ausgelaugt. Geht es einem dann einmal schlecht, wird einem sofort die kalte Schulter gezeigt. Das war ein trauriger Lernprozess. Auch meine Schwiegereltern sind eher unzufrieden, als Stiefmutter muss man doppelt leisten und funktionieren. Wo man als Mutter Fehler machen darf, muss man als Stiefmutter glänzen. Und nein, dafür gibt es keinen Tapferkeitsorden. Dass meine Grenzen von den Stiefkindern zumindest akzeptiert werden, ist jeden Tag wieder an der Tagesordnung, es sind die kleinen Dinge, die einem im Alltag aufreiben, wenn ungefragt Sachen ausgeliehen werden, es massiv an Tischmanieren mangelt usw.
    Wer jetzt sagt, dass ich mir das ja vorher hätte überlegen können, dem kann ich nur antworten, dass das Leben eben so nicht funktioniert. Man verliebt sich und mit dem Verlieben kommt auch die Hoffnung, das Leben gemeinsam bestreiten zu können, in guten und in schlechten Zeiten.

    Ich bin froh, dass ich Ihren Blog gefunden habe,
    vielen Dank!
    Marieke

    • Susanne Petermann sagt

      Liebe Marieke,
      herzlichen Dank für Ihre Erfahrung. Die Stiefmutter im Wechselmodel ist ja noch recht neu im „Patchworkbusiness“. Wie klappt es denn mit den Geschwistern untereinander? Herzliche Grüße, Susanne

      • Marieke sagt

        Die Geschwister untereinander haben ein sehr liebevolles Verhältnis, da gibt es überhaupt keine Probleme.

    • Jennifa sagt

      Ich bin so froh dieses Forum gefunden zu haben und hier ist wieder ein Kommentar, der mit aus der Seele spricht und mir zeigt, dass ich nicht alleine bin damit. Ein großes Danke also an eure Ehrlichkeit und klaren Worte!

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